Mittwoch, 28. September 2011

2, RUE DE LA MÉMOIRE


(Suspended Memories)
von Marilû Mallet, Québec: 1996



Anna Maria ist Schriftstellerin aus einem lateinamerikanischen Land. Jetzt lebt sie in Paris. Während sie einige Postkarten von verschiedenen Orten der Welt ansieht, erinnert sie sich an eine Begegnung mit ihrem jüdischen Brieffreund Carl Philippe in Montréal. Aus einem geöffneten Briefumschlag nimmt sie Teile einer Karte heraus, die sie wie ein Puzzle zusammensetzen muß. Da steht, daß er sie erwarte in der „2, Rue de la memoire“. In einer Rückblende erzählt dieser nur 40-minütige Film von ihrer Begegnung. Neben dem Dialog gibt es auch immer wieder die Off-Stimme Anna Marias, die etwas kommentiert, was geschieht und schon Vergangenheit ist.
Im Badezimmer von Carl Philippe findet sie Spuren der Anwesenheit einer anderen Frau. Die fremde Umgebung irritiert sie. Sie kennen sich nur aus Büchern und Briefen. Da sagt sie zu ihm, daß sie alle Bücher, die er gelesen, alle Stücke, die er geschrieben hat und die Landschaften, die ihn berührt haben, kennt. Erinnert sie sich an eine wirkliche Reise oder erfindet sie eine Geschichte, die auf realen Erinnerungen basiert? Obwohl sie sich das erste Mal begegnen, sagt er zu ihr, daß er in ihr das kleine Mädchen sieht, das sie einst gewesen ist und gleichzeitig die Frau, die sie geworden ist. Da springt eine Tür auf. Das Heulen des Windes ist zu hören. Plötzlich ist Anna Maria an einem ganz anderen Ort und in einer anderen Zeit, vermutlich in ihrer Heimat, wo sie von Soldaten brutal verhaftet wird. Diese Erinnerung dauert nur wenige Sekunden, kaum länger als das Aufspringen der Tür.
Dann gehen beide durch verschneite Straßen und tauschen Erinnerungen aus. Man sieht, daß sie sich durch wirkliche Orte bewegen. Die konkrete Geographie mischt sich oft mit der spirituellen Landschaft zweier Menschen, die von sich erzählen. Das kenne ich gut. Das ist wie durch eine imaginäre Landschaft gehen. Liebe ist manchmal auch eine Reise durch Raum und Zeit. Für einige Sekunden wird Anna Maria das Kind, das mit der Großmutter durch eine Gasse geht. Diese Gasse gibt es weder in Montréal noch in dem Land, aus dem sie kommt. Es ist ein Niemandsland zwischen Erinnern und Vergessen. Dann wird Anna Maria wieder zu der jungen Frau, die mit ihrem Freund durch eine Gasse in Montréal geht. Vor einem halb verfallenden Gebäude erinnert sich Carl Phillippe an das Kino, das hier einst war. Unsere Generation, sagt er, zerstört Gebäude, Gewohnheiten und Familien. Sie antwortet ihm, daß nichts auf immer verloren sei, wenn man daran glaube. Die beiden gehen nicht mehr durch Montréal. Der konkrete Ort beginnt sich durch die Einbildungskraft zu verändern. Manchmal spürt man diese Zäsur durch heftige Bild - und Tonschnitte, ein anderesmal ist sie fließend, kaum wahrnehmbar.
Anna Maria träumt, gemeinsam Geburtstag mit ihren Freunden zu feiern. Die Familie, ihren Verlobten,Freunde hat sie vermutlich verloren. Die beiden treten in einen seltsamen Raum ein. Da steht ein gedeckter Tisch. Ihre Freunde und Verwandte erscheinen als transparente Phantomwesen in Doppelbelichtungen. Allmählich verschwinden sie wieder, wie nach dem Aufwachen aus einem Traum.
Am Abend schlafen die beiden miteinander. Das erscheint als eine der wenigen körperlichen Berührungen zwischen ihnen. Diese Sequenz ist nur spärlich ausgeleuchtet und erscheint auf seltsame Weise wie eine langsam verwischende Erinnerung. Im Bett erzählt ihr Carl Phillippe dann von seiner Mutter, die in einem Konzentrationslager gewesen ist. Seine Frau sei sehr schwierig gewesen und habe später das Haus angezündet.
Nach nur einem Tag und einer Nacht, trennen sich die beiden. Zurück in ihrer Pariser Wohnung, rezitiert Anna Maria aus dem Off einen Brief an Carl Phillippe. Vielleicht arbeitet sie auch an einer erfundenen Geschichte. Auf einer Postkarte liest sie den Satz. „Ich warte auf Dich“. Sie sagt, daß sie davon träume, mit ihm weiter Fragmente aus ihrem Leben auszutauschen.
Diesen Film zu sehen ist ein ganz seltsames Gefühl zwischen Aufmerksamkeit und dem Gleiten in einen traumähnlichen Zustand. Manchmal scheint es, als tausche man mit dem Film die eigenen Erinnerungen aus, wie das die beiden getan haben. Das Kino ist in der Lage, Träume zu produzieren, die alle eigenen persönlichen Erinnerungen auslöschen. Marilû Mallets Film erreicht das Gegenteil: Er gibt einem die Erinnerungen zurück, die der Großteil aller Filme für Stunden betäubt, außer Kraft setzt. 2,Rrue de la memoire ist wie ein Stück wiedergefundene Zeit.

Rüdiger Tomczak

(aus der vergriffenen Ausgabe von shomingeki Nr. 4, Juni 1997, mehr über Marilu Mallet hier )