Montag, 31. Oktober 2011

Double Portrait (Doppelportrait)





von Marilû Mallet, Quebec: 2000





für Florence MC Nguyen





Am Ende von 2 Rue de la Mémoire Mémoire hört man den Satz der Frau, den sie in Gedanken an den Mann richtet, mit dem sie sich unzählige Briefe geschrieben hat, dem sie aber nur einen Tag persönlich begegnet ist: „Ich träume davon, mit dir weiterhin Fragmente aus unserem Leben auszutauschen.“ Während dieser einzigen Begegnung laufen sie durch die Strassen Montreals, sie, eine in Paris lebende Exilanten aus einem lateinamerikanischen Land er ein jüdischer Kanadier, der in Montreal lebt. Dabei wandern sie aber auch durch die Erinnerungen, von denen sie sich erzählen. Jede dieser Erinnerungen als ein Stück Leben erscheint wie ein kleiner Raum, den jeder dem anderen öffnet. Double Portrait, der letzte Film der Exilchilenin Marilû Mallet besteht ebenfalls aus Fragmenten von zwei Menschenleben: denen der Filmemacherin und ihrer Mutter, der Malerin Marie-Luisa Segnoret. In Gesprächen oder in Filmen haben diese „Fragmente“ etwas von Orten in der Erinnerung, in denen man zu Gast ist, Räume, die man für eine bestimmte Zeit mit bewohnen darf.



Der Film beginnt mit einer Einstellung eines Hauses in Montreal, das von innen beleuchtet ist. Es ist eines jener Häuser mit den hohen Treppen zum Hauseingang, die für Montreal oder zumindest für mein Bild von Montreal so charakteristisch sind. Später bewegt sich die Kamera durch die Räume des Hauses. An grün gestrichenen Wänden hängen die Bilder von Marie-Luisa Segnoret. Jedes dieser Bilder erscheint wieder als ein Raum im grossen Komplex eines Menschenlebens, wie eine Geschichte Teil einer unendlichen Kette von Geschichten ist, aus der eine Identität entsteht. Der Off-Kommentar von Mallet erscheint manchmal als Anrede in der zweiten Person an ihre Mutter gerichtet, ein anderes Mal als eine dem Zuschauer erzählende Stimme in der dritten Person. Da ist einmal die Empfindung für das Fremdsein in diesen Biographien und beim nächsten Mal wird man direkt miteinbezogen, nimmt Anteil an ihnen.



Marie-Luisa Segnoret sitzt neben einem laufenden Projektor. Auf einer weissen Leinwand sind Filme aus dem Privatarchiv der Familie zu sehen. Ich sehe spielende Kinder aus einer längst vergangenen Zeit. Wie die alte Frau diese Aufnahmen anschaut, scheint sie sich an Geschichten und Ereignisse zu erinnern, von denen ich nur Bruchstücke erfahre. Ein anderes Mal sieht man ein Kinderporträt, das die Mutter von ihrer Tochter einmal gemalt hat. In diesem filmischen Doppelporträt (Malerin/Filmemacherin) stehen zwei Möglichkeiten von Bildermachen nebeneinander: das Bild dass sich jemand von einem macht (Segnoret von ihrer Tochter) und das mechanisch aufnehmende und chemisch konservierende Filmbild der Archivaufnahmen, dessen Dichte und Schönheit etwas Zufälliges hat. Einmal sagt Mallet aus dem Off, ihre Mutter anredend:“ Du hast dein eigenes Universum geschaffen, deine Erinnerungen umgesetzt und auf Papier fixiert.“



Double Portrait is wie 2 Rue de la Memoire ein Film über fixierte Erinnerungen, aber auch über Erinnerungen, die noch lebendig sind, wie der körperliche Vorgang des Sprechens einer Person, die von diesen Erinnerungen erzählt. Familienfotos, Gegenstände wie eine alte Spieluhr, die Segnoret während ihrer Studienzeit in Paris auf einem Flohmarkt erstanden hat, und die Bilder und Auszüge aus Filmen privater und öffentlicher Archive erscheinen wie kristallisierte Zeugnisse von Menschenleben. Dabei hat gerade die Spieluhr mit ihrere ständig wiederholten kleinen Melodie etwas von der gleichförmigen Mechanik des Kinematographen. Später werden die Archivfilme nicht mehr einfach auf eine starre Leinwand projiziert (von der sie von Mallet abgefilmt wurden), sondern auf so etwas wie sich bewegende Vorhänge. Dann krümmen sich Linien, verzerren sich Perspektiven und Körper. Das Rechteck mit seinen Begrenzungen erscheint nicht mehr als chemisch konservierte und technisch reproduzierbare Erinnerung. Leinwand (in diesem Fall ein beweglicher Stoff) und der projizierte Archivfilm scheinen sich wie in einer Flüssigkeit aufzulösen. Das projizierte Bild erscheint beinahe als etwas Organisches, nicht beliebig Wiederholbares, und dabei auch nicht mehr als vom lebenden Körper losgelöst, sondern als etwas, was ihn bedingt.



Segnoret sitzt vor ihrer Leinwand und malt. Man sieht der Arbeit ihrer Hände zu, die den Pinsel führen. Mallet sitzt ihr Model und im Kontrast zu den bewegten Händen der Malerin erscheint ihr Körper fast unbewegt. Man hört nur das Geräusch des Pinsels und das leise Surren der Kamera, die die Malerin beim Porträtieren ihrer Tochter filmt. Während einer anderen Phase dieses Gemäldes sieht man wie Segnoret auf der Leinwand an den Augen arbeitet. In einer anderen Einstellung sieht man die Hände von Mallet, die auf dem Schoss ruhen, während sie Model sitzt, und eine der nächsten zeigt die Hände der Malerin mit Pinsel und Palette, die für einen Moment innezuhalten scheinen.



Was mich schon immer bewegt hat, ja mir manchmal das Herz zerreisst, sind alte Familienfotos. Auf einem Foto in Double Portrait sieht man Marilû Mallet im Alter von 10 Jahren, während man im Gedächtnis noch das Bild der erwachsenen Filmemacherin hat, wie sie ihrer Mutter Model sitzt. Diese alten Fotos haben für mich eine unerklärliche, beinahe mythische Dichte und Schönheit, ob es sich um welche aus der eigenen Familie, um Fotos von Freunden oder wie hier um Bilder aus den Familienalben der Familie von Marie-Luisa Segnoret handelt. Die Posen dieser Menschen, die in der Gegenwart gealtert oder vielleicht sogar bereits gestorben sind, haben etwas Feierliches. Ich kann sie nicht ansehen ohne ein grosses Gefühl der Ehrfurcht zu empfinden vor dieser, wie durch Zufall entstandenen Kunst der vielen anonymen Fotografen, die nie die Absicht hatten, Künstler zu sein.



In 2 Rue de la Memoire sagt der Mann zu der Frau. Dass er in ihrem Gesicht das Mädchen sieht, dass sie einst gewesen, und die Frau, die sie jetzt ist. Auch dieser Satz hat sich in den letzten vier Jahren in mein Gedächtnis festgesetzt, wie überhaupt die Motive aus den beiden Filmen Mallets sich wie Themen eines Musikstücks verdichten und in meinem Gedächtnis bleiben. Ich kenne das Gefühl beim Betrachten der Gesichter der Menschen, die ich kenne und liebe: innerhalb von Augenblicken kann ein Gesicht verschiedene Phasen der Lebenszeit eines Menschen offenbaren. In Double Portrait gibt es eine Sequenz, die damit zu tun hat, und die fast so etwas wie ein zentrales musikalisches Motiv in diesem Film auf den Punkt bringt: Segnoret hat das Porträt ihrer Tochter fast vollendet. Auf dem Bild sieht ihre Tochter beinahe wie ein junges Mädchen aus. Dann schwenkt die Kamera nach links zu Mallet, die auf einem Stuhl sitzt. Da offenbart die Kamera das wirkliche Gesicht von Mallet mit all den verschiedenen Stufen ihrer Lebenszeit, die man in ihrem Gesicht sehen kann. Das ist für mich einer der bewegendsten Momente des Films, der auch von der ergreifenden Differenz zwischen dem Sehen und Sich-ein-mögliches-Bild-von-jemandem-machen erzählt.



Der Ausschnitt eines Archivfilms zeigt den Präsidentenpalast Salvador Allendes in Santiago de Chile. Der Palast wird beschossen. Ich weiss, das war 1973, als der Mörder Pinochet die Macht an sich gerissen und die Hoffnungen eines Landes auf Freiheit und Gerechtigkeit mit Gewalt für lange zeit zerstört hatte. Für mich ist es Geschichte, wie der Krieg in Vietnam und alle anderen historischen Ereignisse, die ich aus Geschichtsbüchern kenne. Für die Familie von Marie-Luisa Segnoret und Marilû Mallet ist es ein selbst erlebtes und durchlittenes Ereignis, das ihr Leben entscheidend verändert hat und im wahrsten Sinne des Wortes durch ihre Körper und Seelen gegangen ist. Die Frauen mussten aus Chile fliehen, um ihr Leben zu retten, und leben bis heute in Kanada. Dieser durch Körper und Seele gehende Teil der Geschichte findet sich in einem Kupferstich von Segnoret wieder. Man sieht Gitter und Soldatenhelme mit unheimlichen Gesichtern. Einmal sieht man Segnoret an einer schweren Druckmaschine hantieren. Mit dem ganzen Körper versucht sie dieses Bild, bei einer körperlich wirklich ungeheuer anstrengenden Arbeit, Geschichte zu verarbeiten, die diesen Körper beinahe vernichtet hätte.



Gegen Ende des Films sieht man die leeren Räume des Ateliers von Marie-Luisa Segnoret. Wegen einer schweren Krankheit, von der sie sich erst seit kurzem erholt hat, musste sie das Malen für lange Zeit aufgeben. In der letzten Einstellung sieht man sie mit dem Blick in die Kamera gerichtet vor einer leeren Leinwand. Die Einstellung dieser Frau. Die man während des Films so oft in Bewegung gesehen hat, friert ein und wird zu einem Bild, das sich Marilû Mallet von ihrer Mutter gemacht hat.



Für die Filmemacherin Trinh. T. Minh-ha ist Filmemachen so etwas, wie neue Räume zu schaffen und verschiedene Zugänge anzubieten. Auch die Faszination der Filme von Marilû Mallet entsteht auf eine ähnliche Weise durch das Öffnen von Räumen, in die sie uns einlädt und die wir, egal woher wir kommen, eine Zeitlang bewohnen dürfen. Der Film mag zunächst vor allem eine bewegende Biografie von zwei Frauen sein, die sich so eindrucksvoll auf die kurze Filmzeit von 38 Minuten verdichtet. Was sich dabei völlig unaufdringlich and Gedanken zum Wesen des Kinos als eine Möglichkeit von Gedächtnis offenbar, erscheint, erscheint mir als eine kleine, in die Poesie des Films umgesetzte Philosophie des Kinos.



Rüdiger Tomczak



(Erstveröffentlichung, shomingeki Nummer 9, Dezember 2000)