Samstag, 1. Oktober 2011

PAYSAGE SOUS LES PAUPIÈRES

 (Landscape through mind´s eye)
von Lucie Lambert, Québec: 1995



Kinder spielen am Strand des mächtigen Saint Laurent-Stromes. Ihre Füße laufen über den feuchten Sand. Aus dem Off hört man Kinderstimmen, die ein Versteckspiel kommentieren. Neben den Geräuschen des Wassers, dem schreienden Kinder und den Off-Stimmen, erscheint der Bildausschnitt relativ klein. Der Ton zeugt von einer Weite der Landschaft außerhalb der Kadrage.
Ein Fenster, von dem aus man nach draußen blickt. Die Landschaft, die man sieht, erscheint durch den Fensterrahmen zusätzlich begrenzt. Ein schwerer Lastwagen fährt vorbei, und dieses Stück komprimierte Welt dehnt sich durch den Ton, der wie eine Explosion in die Stille eindringt, plötzlich unendlich aus.
Eine Sopranistin probt für ein Konzert, das sie in ihrer einstigen Heimatregion geben will. Sie singt die Kanzonette des Cherubino aus Mozarts La Nozze De Figaro. Ihre Stimme ist so klar und so kraftvoll, als wolle sie der eindrucksvollen Welt antworten.

Lucie Lambert porträtiert einige Frauen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, die unabhängig voneinander existieren und doch manchmal ineinander zu greifen scheinen, wie die Landschaften. Einmal hört sie ihren Geschichten zu, ein anderes Mal sieht sie der Sängerin bei ihrer Arbeit zu. In einer Einstellung sieht man zwei leere Bänke am Ufer des Stromes. Sie erscheinen wie trotzige Spuren der kurzen Menschenleben in einer Landschaft, die seit ewiger Zeit existiert.
Cathy ist fast 18 Jahre alt. Sie arbeitet in einem Restaurant und lebt bei Adoptiveltern. Ihr Vater hatte sie sexuell mißbraucht. Den Arbeitsplatz hat ihr eine Art Hilfsprojekt für gefährdete Mädchen besorgt. Die Adoptiveltern haben ihr einen Spitznamen gegeben. Das störe sie nicht, sagt sie, denn es ist ein freundlicher Name. Geschäftig geht sie auf die Kamera zu, wo sie fast in Nahaufnahme erscheint, und entfernt sich dann in die Tiefe des Bildes. Nicht die Kamera, sondern ihre eigenen Bewegungen bestimmen Nähe und Distanz.
Ein Arbeiter verbrennt in einer Blechtonne Personalakten einer aufgelösten Firma. Er ist betrübt, denn er hat seine Stelle verloren und wird die Region verlassen müssen, in der er so lange gelebt hat. Später sieht man Kinder in einem Bus. Aus dem Off sprechen die Kinder über ihre Zukunftsträume. Sie wollen Astronauten, Polizisten,Schauspielerin werden. Dann sieht man wieder die Sopranistin bei ihren Proben. Sie hat Probleme sich zu konzentrieren. Mit einer Hand die linke Gesichtshälfte verdeckend und fast verkrampft über das Notenblatt gebeugt, stimmt sie das Ave Maria von Schubert an.
Diane, eine geschiedene Frau, ist vor kurzem mit ihren Kindern in ihren Geburtsort Grandes Bergeronnes zurückgekehrt. Ihre Mutter, erzählt sie, habe 18 Kinder zur Welt gebracht, sie selbst habe bereits mit 17 Jahren geheiratet. Ihre Kinder, das sei nun der Inhalt ihres Lebens. Sie redet von den Bergen, die „mit ihr sprechen“. Hier werde sie nie wieder fortgehen, es sei denn, ein Mann käme, vielleicht ein Prinz. Aber das sei ein Mythos, sagt sie bitter und schweigt. Das ist das Gesicht einer Frau, die in ihrem Leben enttäuscht wurde. Diese unbändige Kraft, trotz allem leben zu wollen, zelebriert Lucie Lambert in der Sicht - und Hörbarmachung von Gesten, Gesichtern oder dem Klang menschlicher Stimmen.
Cathy erzählt von ihrer Kindheit. Einmal ist sie zu sehen, ein anderes Mal ist ihre Stimme aus dem Off zu hören, während die Kamera die Umgebung durchstreift. Sie sei nicht hübsch, habe man ihr als Kind geasagt, bis sie es selbst geglaubt hat.. Wenn man klein ist, erfinde man eine ganze Menge. Ihr Zimmer sei ihr Universum gewesen. Sie hat sich ihre eigene Welt erfunden.
Da ist wieder die Sopranistin, die jetzt ihr Konzert gibt. Sie singt gerade ein Lied von Schubert. Auf ihrem Gesicht sieht man die ungeheure physische Anstrengung und die Konzentration, aber auch die Innigkeit, mit der sie das Lied vorträgt.
Cathy erzählt von einem Ausflug nach New York und wie sie die Freiheitsstatue bestiegen hat. Euphorisch versucht sie ein Glück zu beschreiben, das auf den ersten Moment wie ein Postkartenklischee erscheint. Doch wenn man dabei den Glanz in ihrem Gesicht gesehen hat und ihrer Stimme zugehört hat, scheint sie es an Innigkeit mit der Sopranistin gleichzutun.
Eine alte Malerin, die gerne lange Wanderungen unternimmt. Allmählich, so sagt sie mit einem Lächeln, werde sie dafür zu alt. Man sieht die Sterblichkeit der Menschen in dieser Urwelt. Für einige Momente aber erstrahlen sie wie kleine Sonnen, heller und schöner als die wilde Landschaft am Saint Laurent im Norden Québecs.
Die Sopranistin singt Ich will leben. Kinder spielen am Strand Astronauten. „Erde ruft Mond. Mond ruft Erde.“ Da verharrt die Kamera für einen Moment auf dem undurchdringlichen Blau des Himmels, so wie sie am Anfang des Films die Füße der Kinder auf der Erde gezeigt hat.
Die Stimmung von Paysage sous les paupiéres erinnert mich wieder an die Sopranistin: Sie steht mit den Füßen auf der Erde und muß hart daran arbeiten, bis sie ihrem Körper den Gesang entlockt, der das Publikum und sie selbst für einen Moment schweben läßt. Lucie Lambert zeigt Personen, die für ihr Glück kämpfen müssen und die noch oft enttäuscht werden. Diese Menschen reden dabei manchmal euphorisch über Glück, Hoffnung und Sehnsucht wie in einem Lied. Lambert gibt diese unbändige Sehnsucht nicht preis. Sie zeigt mit ihrem Film, wie man die Welt sehen kann, wenn man sie liebt.

Rüdiger Tomczak (aus shomingeki Nr. 4, Juli 1997, vergriffene Ausgabe)