Mittwoch, 22. Februar 2012

Sona, mo hitori no watashi (Berlinale Forum 2010





Ein Freund hat mir einmal aus einem Lied der bengalischen Sängerin Mousumik Bhowmik über die Stadt Kolkata übersetzt:
"Diese Stadt hat viele Wunden.
Einige sieht man, andere sieht man nicht."
Wenn ich ein Lied über diesen Film schreiben könnte, würde ich mit ähnlichen Zeilen beginnen, nur dass es sich hier nicht um eine konkrete Stadt, sondern um ein Stück Welt, zusammengesetzt aus zwei Städten und dem Leben einer Familie, handeln würde.

Die Idee der "caméra stylo", Filme zu machen wie man schreibt und dabei in der ersten Person von sich zu erzählen, scheint mir auf wenige Filme so zuzutreffen wie auf die Arbeiten von Yang Yonghi.
Das Beeindruckende - trotz des Wissens, dass auch die sehr persönlichen Filme von Yang Yonghi "gemacht" sind - ist die Montage, mit der scheinbar nebensächliche  Alltagsmomente verdichtet werden. Und doch tritt das Bewusstsein von dem "Gemachten" für mich oft hinter die intensiven Alltagsmomente zurück. Die improvisierten Videoaufnahmen von den Reisen einer Familie nach Pyongyang sind es, die mich berühren.  Sie mögen noch so zufällig erscheinen, je öfter ich den Film sehe, umso gewichtiger erscheinen sie mir.

Eine Geburtstagsfeier, ein Gedenktag zur Erinnerung an die verstorbene Schwägerin, Yangs kleine Nichte und Aufnahmen von Strassen und Gebäuden der Städte Osaka und Pyongyang zu verschiedenen Zeiten verdichten sich zu einem Bild von Menschenleben. Diese Momente konservierter Fragmente von Lebenszeit werden manchmal unterbrochen von abgefilmten Fotografien, die wie “aus der Zeit” genommen wirken und die Filmaufnahmen umso vergänglicher erscheinen lassen. Sie gleichen Millionen  anderer Familienfotos, denen aus den Alben meiner eigenen Familie inbegriffen. Und doch erscheinen sie mir wie Poesie. Obwohl Yang erst in den 90er Jahren begonnen hat, ihre Familie zu filmen, geben diese Fotos Hinweise auf die vergangenen Lebenszeiten der hier gezeigten Menschen. Yang, die hier im Gegensatz zu ihrem ersten Film Dear Pyongyang nicht nur auf Fotografien in unterschiedlichen Lebensstufen selbst zu sehen ist, sondern auch in den Videoaufnahmen erscheint, erinnert mich an einen Satz aus dem Film 2 Rue de la Memoire, von der in Montreal lebenden Exilchilenin Marilú Mallet, einer anderen Vertreterin der "caméra stylo":
 "Ich sehe in Dir das Mädchen, dass Du einst warst und die Frau, die Du geworden bist."

Die traumatische Trennung Yangs von ihren Brüdern, die ihr Vater 1971 nach Pyongyang geschickt hat, ist zwar das Resultat der historischen Teilung Koreas, wird hier aber konkretisiert auf das Echo, dass dieser historische Prozess auf die Familie hat. Diese Teilung setzt sich zunächst einmal fort in der Spaltung der in Japan lebenden Koreaner, die sich entweder als Bürger Süd- oder Norkoreas definieren, und endet dann hier in der Trennung der Familie Yang, von dem ein Teil in Osaka und ein anderer in Pyongyang lebt.
Unter anderem erzählt der Film auch davon, was der südindische Regisseur Kumar Shahani über den bengalischen Regisseur Ritwik Ghatak gesagt hat, dessen Filme auf andere Weise als die Yangs von der traumatischen Teilung seines Landes handeln: "Es geht bei Ghatak nicht nur um die geographische Teilung, sondern um die, die direkt durch die Körper und Seelen der Menschen geht." Von dieser Teilung, die durch die Seelen der Menschen geht, hat vor allem Dear Pyongyang erzählt. Sona, mo hitori no watashi erzählt vor allem von der Wirkung dieser Teilung auf die Filmemacherin selbst. Wenn sie bei Aufnahmen von den Propagandaspektakeln Nordkoreas in Stadien und Theatersälen im Kommentar ihr Unbehagen darüber zum Ausdruck bringt, ist das kein politisches Statement, sondern direkter Ausdruck des Schmerzes, den ein Individuum empfindet, das Geschichte in einem alltäglichen Sinn erleidet.

Einmal sieht man Yang bei ihrer eigenen Geburtstagsfeier in Pyongyang. Die ganze Famile ist für einen kurzen Moment vereint.
Wenn sie ihren Vater oder ihre Mutter in Osaka filmt, bleibt sie unsichtbar.
Sie ist das Individuum, das einmal versucht, eine Ordnung in ihrer Geschichte zu finden. Ein anderes Mal ist sie sichtbarer Teil des Geschehens. Dieses Blicken auf die Welt, und gleichzeitig ein Teil von ihr zu sein, trifft sich auf unheimliche Weise mit dem Gefühl, das ich für diesen Film habe. Die Zärtlichkeit des Blickes auf ihre Nichte Sona (die wir in einigen Zeitsprüngen in unterschiedlichen Lebenstufen vom Kleinkind bis zur Heranwachsenden sehen) ist gleichzeitig auch ein Blick auf ihre eigene Vergangenheit, daher der Titel "the other Myself". Einmal geht die kleine Sona mit ihrem Vater (Yangs zweitem Bruder) durch die Strassen Pyongyangs. Im Off spricht sie von einem "Déjà-vu", sieht sich und ihren Bruder als Kind durch die Strassen laufen.

Ich muss an die Kreatur Frankensteins in Mary W. Shelleys Roman denken, wie sie aus einem sicheren Versteck eine Familie beobachtet. Diese Kreatur ist so ergriffen von dem Schicksal dieser Familie, sie vergeht fast vor Liebe und Zärtlichkeit und spürt dabei doch, dass es mit diesen Gefühlen allein ist und niemals wagen wird, sich zu offenbaren. Beim Sehen dieses Films fühle ich mich manchmal selbst wie diese Kreatur. Das Erlebnis mit diesem Film, die Reaktion zwischen dem, was ich sehe und dem, was es in mir auslöst, wollte ich so lange wie möglich am Leben erhalten. Glücklich war ich nur, wenn ich über diesen Film sprechen konnte. Ich habe von diesem Film wie von einer langen Reise erzählt, von der ich noch lange nicht wirklich heimgekehrt bin.

Es gibt eine Szene, die etwas von der Haltung des Films erzählt, wie auch von der Spannung zwischen Sehnsucht nach Nähe und dem Bewusstsein von Fremdheit. Vielleicht trifft sich hier der filmische Blick Yang Yonghis mit meinem, dem Zuschauenden. Schon der Titel "the other Myself" hat mit Identifikation oder mit Wiedererkennen durch den Blick auf jemand anderen zu tun. Yangs Blick auf ihre Nichte geht oft zusammen mit ihren Kindheitserinnerungen. Sie sieht in ihr das Kind, das sie einst gewesen ist. In dieser Szene begleitet die Filmemacherin die kleine Sona auf dem Weg zur Schule. Als sie den Schulhof erreichen, sieht man andere Kinder, die in die Kamera starren. Sie sind scheu und gleichzeitig neugierig. Als Sona im Schulgebäude verschwindet und sich unseren (und Yangs Blicken) entzieht, hört man die Filmemacherin aus dem Off sprechen. Da bemerkt sie, dass Sona nun von der "Ausnahmesituation ihres (Yangs) Besuches wieder in ihre eigene Wirklichkeit zurückkehrt". Sie kann ihrer Nichte mit der Kamera nicht mehr weiter folgen. Diese Szene hat für mich auch zu tun mit dem Eintauchen in diesen Mikrokosmos der Familie Yang, mit dieser seltsamen Nähe, die der Film vermittelt und mit dem Bewusstsein, dass genau das ein zeitlich begrenztes Privileg ist.

Am Tag bevor ich Sona, mo hitori no watashi zum dritten Mal gesehen habe, versuchte ich mich mit The Thin Red Line, einem Meisterwerk von Terrence Malick, von der seltsamen Anziehungskraft, die Yangs Film auf mich ausgeübt hatte, abzulenken. Ich wollte mich auf etwas anderes einlassen. Doch gleich in den ersten 10 Minuten von Malicks Film stellte ich fest, dass die Art, wie dieser so offensichtlich andere Film auf mich wirkt, auf unheimliche Weise damit zu tun hat, wie Yangs Film auf mich wirkt. Durch die gewaltige technische Apparatur und die in Aufsätzen über Malick so oft beschriebene Kultur - und Kunstbildung blicke ich hindurch, und was haften bleibt, ist ein ähnlich verletzlicher und zarter Blick, der mich wieder zu dem von Yang Yonghi zurückführt. Mein Versuch, mich abzulenken ist missglückt, die Filme reagieren in mir aufeinander und verstärken jeweils die Wirkung des anderen. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob diese Reaktion meine ganz persönliche Angelegenheit ist, oder ob, völlig unabhängig voneinander, Malick wie Yang in der Poetisierung von Bildern und gesprochenem Text vielleicht doch zufällige Gemeinsamkeiten haben.
Und dann ist da noch "die eine grosse Seele", über die ein Protagonist in Malicks Film spricht, die, “von dem wir alle ein Teil sind." Diese Idee, die durch The Thin Red Line geistert, ruft mir die Berlinale 2006 in Erinnerung, wo sich zwei Gesichter, bezeichnenderweise aus je einem Film von Yang Yonghi und einem von Terrence Malick, in mein Gedächtnis gebrannt haben, die in meiner Vorstellungskraft fast miteinander verschmolzen sind.
Das eine war ein Jugendfoto von Yang Yonghi aus Dear Pyongyang, nachdem sie zum ersten Mal nach der Trennung ihre Brüder in Pyongyang besucht, und auf dem man sieht, dass sie gerade geweint hat. Das andere ist das Gesicht der damals etwa gleichaltrigen Q´Orianka Kilcher als Pocahontas in Malicks The New World , nachdem sie von ihrem Stamm vertrieben worden war. Das eine Bild ist die Momentaufnahme eines gelebten Gefühls, das andere ein inszeniertes, aus der Vorstellungskraft geschaffenes Gefühl. Diese Bilder stehen für mich für die Wirkung dieser Filme auf mich.

Beim dritten Sehen von Sona, mo hitori no watashi war die Wirkung noch einmal intensiver.  Der Tod ihres ältesten Bruders, der seit der Trennung von den Eltern und der Schwester an manischen Depressionen litt und der schwerkranke Vater, dessen Tod im November 2009 Yang aus dem Off ankündigt, lassen jeden Versuch scheitern, mich von den Bildern, die nicht mir gehören, zu distanzieren. Krampfhaft versuche ich, an dem letzten Rest von Selbstbeherrschung festzuhalten, um nicht laut losheulen zu müssen.


Ruft Sona mo hitori no watashi diese Nähe zu einem mir fremden Leben hervor, oder ist der Film diese Nähe selbst? Was ist dieser Film, der sich in meinem Gedächtnis so einbrennt? Wo hört der Film von Yang Yonghi auf und wo beginnt er in meinem Gedächtnis eigene Bilder anzurühren? Ist der Film die Essenz eines Menschenlebens oder vielleicht nur Yangs Interpretation von ihrem Leben, zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Entscheidungen für jede einzelne Einstellung, für jedes einzelne Bild?
Ich weiss nur, dass dieser Film mich völlig fassungslos macht.


Ich muss wieder an Malicks The Thin Red Line denken, denn es gibt in Sona, mo hitori no watashi am Ende einen Verweis auf einen Moment des Films, wie in der letzten Einstellung aus Malicks Film, der noch einmal das Paradies andeutet, das die Menschen bereits für immer verloren haben.
Es ist die Geburtstagsfeier von Yang Yonghi mit ihrer Familie in Pyongyang. Es gibt einen Stromausfall. Nachdem sie die Kerzen ihrer Geburtstagstorte ausgepustet hat, gibt Sona ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Yang diesen Moment des flüchtigen Glücks niemals vergessen möge. Im Off bemerkt Yang wie selten die ganze Familie zusammenkommen kann. Die letzte Einstellung des Films verweist noch einmal auf diesen Glücksmoment, ein kleines Paradies, das nur noch in der Erinnerung existiert.
Der älteste Bruder und der Vater sind gestorben. Nach der Veröffentlichung ihres Films Dear Pyongyang hat man Yang Yonghi ein Einreiseverbot für Nordkorea ausgesprochen. Das einzige, was ihr bleibt, ist das Festhalten dieses Moments mit einem Kunstgriff der Montage. Dieser Moment trotzt dem vorletzten Bild, eine abgefilmte Fotografie, auf dem sie sich ihrem kranken Vater, der in seinem Krankenbett liegt,  zuwendet, während ihre Stimme aus dem Off seinen Tod mitteilt.
Dieses Bild ist Nähe und Distanz zugleich. Für diese Sekunden glaube ich zu empfinden, wie Yang in diesem Moment gefühlt hat. Gleichzeitig erscheint mir das Bild allgemeingültig als ein Bild davon, wie allein man in seiner Trauer ist.  Der Film, der  immer wieder von Abschieden handelt, bereitet sich mit diesem Bild auf seinen eigenen Abschied vor. 


Immer, wenn ich nach Worten suche, die beschreiben sollen, wie ein Film wie Sona, mo hitori no watashi auf mich wirkt, muss ich an den Satz von "der einen grossen Seele" aus The Thin Red Line denken, der mit Identifikation aber auch mit Wiedererkennen zu tun hat. Und ich denke an die letzten Zeilen von The Thin Red Line, an den poetischen Monolog eines Soldaten,  der mir ähnlich unter die Haut geht wie die Filme von Yang Yonghi.

"Oh, my soul,
let me be in you now.
Look out through my eyes.
Look out through the things you made.
All things shining."


Rüdiger Tomczak

ENGLISH version of this text  here

(Erstveröffentlichung, shomingeki Nummer 22, Sommer 2010, Der jetzige Verliehtitel (für Korea und Japan ist (leider kein Beweis für die Intelligenz der Verleiher): Goodbye Pyongyang).

Dienstag, 14. Februar 2012

Hinweis zum englischsprachigen Berlinale blog.



Aufmeinem englischsprachigen Blog sind texte zu einigen Filmen der aktuellen Berlinale zu finden.
Bisher über
KAZOKU NO KUNI (Our Homeland), der dritte Film und erster Spielfilm von Yang Yonghi. Und nach drei wunderbaren Filmen von 2006 bis 2012 ist sie mein Liebling unter den Filmemachern des Forums der letzten Jahre.
NO MAN´S Zone von Toshi Fujiwara, ein sehr eindrucksvoller Film über die Menschen, die mit der Katstrophe um Fukushima zu lämpfen haben.
12 SISTERS von Ly Bun Yim, ein seltenes, verrücktes, wunderbares und sehr komische Juwel aus längst untergegangenen Epoche des Kamboschanischen Kinos.