Sonntag, 11. März 2012

Dear Pyongyang von Yang Yonghi Japan: 2005 Berlinale Forum 2006



Auch ein anderer Film geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Dear Pyongyang, von Yang Yonghi. Der Film erinnert mich an einige Filme, die in ihrer Transparenz, ihrer Reduzierung der Apparate auf das Notwendigste und die auch ihre Intensität dadurch gewinnen, dass die Distanz zwischen dem verletzlichen Individuum,das filmt, und dem Zuschauer als sehr klein erscheint. Das geht in dieRichtung des Traums von der Camera stylo , Filme, die gemacht werden, „wie man schreibt und in denen die Autoren in der ersten Person erzählen“ (François Truffaut)(1). Diese Filme gleichen ihren Mangel an Technik, in einigen Fällen auch die geringere Auflösung des Videobildes, durch einen, wie mir scheint, direkteren Kontakt zum Betrachter aus. Sie erscheinen mir wie Prophezeiungen einer ganz eigenen Form des unabhängigen Films.

Es ist die Geschichte der Filmemacherin, die zuerst einmal mit einem Abriss der Geschichte in Japan lebender Koreaner eingeleitet wird. Die haben sich nach dem koreanischen Bürgerkrieg in zwei Gruppen gespalten, denen, die sich zu Südkorea bekannten, und denen, die in Nordkorea ihre Heimat sahen. Der wirtschaftliche Aufschwung des Nordens hat seine in Japan lebenden Anhänger ermutigt, dorthin auszuzuwandern oder besser „zurückzukehren“, wie sie es nannten. Yangs Vater hatte seine drei Söhne im halbwüchsigen Alter nach Nordkorea geschickt. Man kann sie dort besuchen, aber sie werden niemals das Land verlassen dürfen.

Der Film konzentriert sich jetzt ganz auf Yangs Familie, wo Geschichte spürbar wird in privaten Details einer Durchschnittsfamilie, und nicht zuletzt auf Yang Yonghi selbst. Yangs Vater ist seit seiner Jugend kommunistischer Aktivist geblieben, und wann immer er von Nordkorea redet, spricht er von einem mythischen Paradies. Der Film zeigt Alltagssituationen und die Reisen der Familie zu den drei mittlerweile erwachsenen Söhnen in Pyongyang. Die Filmemacherin, so deutet ihr Kommentar an, wollte immer schon ein anderes Leben führen, ohne ihrem „Vaterland“ bedingungslos dienen zu müssen. Die langen Gespräche mit ihrem Vater wirken beim ersten Sehen banal, manchmal
sogar komisch. Erst nach einer gewissen Zeit zeichnet sich so etwas wie ein Drama ab, das unter der Oberfläche von vermeintlich harmlosen Neckereien zwischen Vater und Tochter brodelt. Der erste Schock setzt ein, wenn Yang die Gespräche mit einer Serie von Familienfotos unterbricht. Auf einem Bild sieht man das Gesicht der jungen Yang Yonghi zusammen mit ihren Brüdern, als sie sie zum ersten Mal in Nordkorea besucht. Ihr Gesicht ist traurig, fast verweint. Die Trennung von den Brüdern muss ein ganz besonderes Trauma für sie bedeutet haben. Sie kann nicht - nicht einmal im Off-Kommentar des Films - über alles sprechen. Die traditionelle Pflicht den Eltern gegenüber und die Sorge um die Brüder in einem Land, wo jeder Kontakt nach aussen argwöhnisch beobachtet wird, hinderte sie an einer offenen Rebellion. Hinzu kommt die Angst vor dem Liebesentzug durch die Eltern, wenn sie dem Bild, das sie von ihr haben, nicht mehr entspricht.

Die ersten beiden Male habe ich den Film in geschlossenen Pressevorführungen gesehen, das dritte Mal in einer offiziellen Berlinale-Veranstaltung. Am Anfang haben mich auch einige Neckereien zwischen dem Vater und der Filmemacherin amüsiert.
Beim dritten Mal habe ich nicht mehr lachen können.

Ausser mit ihren Händen sieht man Yang Yonghi im Film ausschliesslich auf Kinder- und Jugendfotografien und hört ihre Stimme. Alles, was man sieht, sieht man mit ihren Augen. Die wesentlichen Akzentuierungen des Films sind die Zeitsprünge vor und zurück, die dem Film Dichte geben. Sie scheinen mir das ästhetische Mittel des Films zu sein, mit dem jemand auf mehreren Ebenen versucht, etwas von sich zu erzählen, was schwierig ist in Worte zu fassen. Die Art, wie man Einblick hat in den intimen Familienkreis, eine Nähe, die ich nicht unbedingt in jedem Dokumentarfilm schätze, vermittelt das Gefühl, es werde uns etwas anvertraut. Wie sich Yangs Off-Kommentare, die von ihrer Unbehaglichkeit erzählen, dem Bild der Eltern nicht entsprechen zu können, absetzen von den detailreichen Beobachtungen ihres Familienalltags, entwickelt sich zu einer
eigenen Dramatik. Yang ist Teil dieser Famile und gleichzeitig eine Aussenseiterin.

Ein völlig überraschender Schnitt und wir befinden uns plötzlich in einem Krankenhaus. Yangs Vater hat einen Schlaganfall erlitten. Da gibt es einen Moment der Hilflosigkeit, der sich in seiner Intensität in mein Gedächtnis eingebrannt hat: Yang Yonghi geht mit der Kamera auf das Krankenbett ihres Vaters zu, der durch Schläuche mit Apparaten verbunden ist. Es steht schlecht um ihn. Er liegt völlig wehrlos unseren und den Blicken seiner Tochter ausgeliefert. Gleichzeitig wissen wir durch den Verlauf des Films, dass dieser alte Mann (wenn auch ohne böse Absichten) seiner Tochter einiges angetan hat. Dann greift sie mit ihrer einen Hand die rechte ihres Vaters, der einige unverständliche Laute von sich gibt, während sie mit der anderen die kleine Videokamera bedient. Zumindest beim ersten Sehen war ich mir nicht sicher, ob man beim Filmen so weit gehen sollte. Doch hat mich diese Szene heftig bewegt. Dieser Moment ist sehr nahe an diesem kaum beschreibbaren Gefühl, mit etwas
ganz allein zu sein, wie ich es an einem furchtbaren Tag im Jahr 1997 empfunden hatte, als ich meine schwerkranke Mutter auf der Intensivstation eines Bochumer Krankenhauses besucht hatte. Das Unbehagen gegenüber der Macht, die Eltern zumindest einmal auf unser Leben hatten, steht hier in Yangs Film dieser hilflose zerbrechliche Körper des Vaters gegenüber. Das, was diese Szene aber noch schwerer erträglich macht, ist das Ausgeliefertsein der Filmemacherin selbst, auch wenn man nur ihre Hände sieht. Ich glaube fast, sie leise weinen gehört zu haben, aber so genau weiss ich das nicht mehr.
Ich weiss überhaupt nichts mehr.
Ich habe die grosse Leinwand vergessen und auch den Sessel, auf dem ich sass.
Ich war völlig hin,- und hergerissen zwischen dieser schrecklichen Erinnerung an die Krankheit meiner Mutter und dem Bewusstsein, dass hier, in diesem aufgezeichneten Moment, der unsichtbaren Filmemacherin Yang Yonghi gerade einer der schrecklichsten Momente ihres Lebens widerfährt. Da man ihr Gesicht nicht sehen kann, stelle ich mir in meiner Einbildung vor, muss sie in diesem Moment wieder zu dem traurigen kleinen Mädchen geworden sein, das man auf den Fotos gesehen hat.

Rüdiger Tomczak

(1) Hier habe ich einen Fehler aus der Printversion dieses Textes korrigiert: Das Zitat stammt tatsächlich von Truffaut und nicht von Astruc. Der Himmel weiss, wie ich auf Astruc gekommen bin.

Esrtveröffentlichung, shomingeki Nummer 18, Oktober 2006)

andere Texte über die Filme von Yang Yonghi:
SONA; THE OTHER MYSELF (deutsch)