Mittwoch, 28. März 2012

GAKKO (Eine bemerkenswerte Klasse) von Yoji Yamada, Japan: 1993



 
Yamada bleibt in Tokio. Zu Beginn eine Totale der Stadt von oben gesehen. Verkehrsgeräusche, als Merkmale einer völlig überfüllten und lärmenden  Stadt. Eine leere Schulklasse mit unsäglich häßlichem Mobilar. Die Geschichte beginnt im Büro des Direktors einer Abendschule. Ein untersetzter Lehrer soll nach Beendigung des Schuljahres an eine andere Schule versetzt werden.
Dann eine Abendklasse, alte und junge Leute sollen, so der dicke freundliche Lehrer einen Aufsatz zum Thema Erinnerungen schreiben. Jeder Aufsatz ist dann der Vorwand für eine Rückblende in der jede dieser Personen und ihre Beziehung zu dem Abendlehrer vorgestellt werden:  unter anderem eine alte Koreanerin die erst hier lesen und schreiben gelernt hat, eine ehemalige Punkerin aus einem völlig verwahrlosten Elternhaus, ein Japaner chinesischer Abstammung oder ein geistig behinderter Mann. Yamada kann wunderbar Geschichten erzählen und das sogar auschließlich mit Versatzstücken, die so zu variieren kein anderer Meanstram-Regisseur in der Lage ist. Der Lehrer ist ein gutherziger Menschenfreund, trotz aller menschlichen Schwächen fast ein Ideal. Jeder Schüler ist Repräsentant einer ethnischen oder sozialen Randgruppe. Bei Yamada und vielleicht nur bei Yamada dürfen sie zusammen kommen.  Ein junger Arbeiter, der eines Tages den Lehrer mit zu seinem Arbeitsplatz nimmt um ihm zu zeigen, wie hart das Los mancher Abendschüler ist oder ein älterer Straßenhändler (der nur in den Rückblenden präsent ist), nickt hin und wieder mal während einer Schulstunde ein. Den alleinstehenden Lehrer halten die Schüler auch schon mal halb im Scherz und halb ernsthaft für homosexuell. 

Im Verlauf der ersten Hälfte des Films stirbt eben jener alte Straßenhändler. Ein anderer Schultag, der erneut Vorwand für Rückblenden bietet. Der Lehrer und die Schüler erinnern sich an den alten Ino-san. Der ehemalige Analphabet wird wieder aus der unterschiedlichen Sicht aller gezeigt. Oft nostalgisch verklärt mit dem typischen Yamada-Humor, kontrastieren sie mit der Gegenwart. Es ist Winter. Aus dem Fenster sieht man das dunkle Blau einer Winternacht. Selten habe ich Yamada eine derart kalte Farbe gesehen.
Später folgt dan eine Diskussion über Glück. Dazu die alte Koreanerin als ein möglich denkbares Sprachrohr für Yoji Yamada: "Vielleicht ist es schon Glück, wenn man glaubt glücklich zu sein." Die Orte des Glücks sind seit DAUNTAUN HIROZU und vor allem seit MUSUKO auch bei Yamada (außerhalb seiner unendlichen Tora-san-Serie) seltener geworden. Das Glück ist nicht mehr an einem konkreten geografischen Ort vorstellbar, sondern fast nur noch in der Erinnerung. Seinem in Japan so populären Held Tora-san stellt er hier einer Gegenfigur gegenüber: der alte Straßenhandler Ino-san, ein unglücklicher und vereinsamter Mensch, der in einer miesen Behausung sein Leben fristet. Der Schauspieler Kunie Tanaka (der in MUSUKO den verbitterten Lastwagenfahrer spielte) hat ein Gesicht das so ganz das Gegenteil zu dem freundlichen Kyoshi Atsumis/Tora-sans. Ein Arzt im Krankenhaus zu dem Abendlehrer, nachdem Ino-san gestorben ist: "Sein Körper erzählt die Geschichte eines tragischen Lebens."
Ein Ausflug (in die Erinnerung). Eine grüne Wiese, mit mit steilen Hängen, wie man sie von Yamada kennt. Ein Foto wird gemacht. In Slapstickmanier fallen fast alle Schüler bis auf den alten Ino-san den Abhang herunter. Das Bild vom Gesicht des alten Mannes friert ein und wird schwarz/weiß. Ein für Yamada seltsam und unerwartet trauriges Bild von der Absenz und der Vergänglichkeit. Am Ende verläßt der Lehrer nach dem Unterricht die Schule. Das leere Klassenzimmer und der dunkelblaue Nachthimmel, aus dem Schnee fällt. Die Zeit scheint vorbei zu sein, in der Yamadas Figuren die befreiende Weite der nördlichsten und dünnbesiedeltsten Insel Hokkaido  aufsuchen. Wie MUSUKO sucht Yamada  auch in GAKKO nur noch die kleinen Nischen, die es einem auch ermöglichen, im Moloch Tokio zu überleben. Yamada bleibt in Tokio. Tokio kann Yamada ganz gut gebrauchen.

Rüdiger Tomczak
first published in filmwärts, Hannover, December 1994