Samstag, 17. März 2012

Jeon Tae-il (A Single Spark) von Park Kwang-Su, Korea: 1995 Wettbewerb




Ein junger Mann mit einem Feuerzeug in der Hand: mit einer fast rituellen Geste zündet der ein Buch an. Wenig später wird er sich selbst verbrennen.
1975: Kim Yong-Su will ein Buch über Jeon Tae-il, einen Märtyrer der Arbeiterbwegung, der sich aus Protest gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen und politische Unterdrückung selbst verbrannt hat, schreiben. Park Kwang-Su erzählt zwei ineinander verflochtene Geschichten. Ähnlich wie in seinem vorherigen Film To The Starry Island erscheint hier der Leidensweg des Hilfsarbeiters Jeon Tae-il (als weiteres Kapitel der totalitären Vergangenheit Koreas) gefiltert durch die Imagination einer zweiten Person, in diesem Fall durch Kim Yong-Su.
Die Sequenzen aus dem Leben Jeon Tae-ils in den sechziger Jahren sind in schwarz-weißen Bildern zu sehen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die meisten von ihnen noch Kinder, schuften unter sklavischen Bedingungen in viel zu engen, unzureichend beleuchteten und belüfteten Fabriketagen. Ein Mädchen erleidet einen Blutsturz und stirbt später an Tuberkulose.
Kim Yong-Su und seine Freundin Shin Jun-Soo, eine Fabrikarbeiterin: er gibt Abendkurse für Arbeiter. Seine Freundin will mit Kolleginnen eine Gewerkschaft gründen. Man sieht streikende und brutal mißhandelte Arbeiterinnen. Im Fernsehen werden Berichte über den Krieg in Vietnam gezeigt. Kim Jong-Su, selbst von der Polizei gesucht, bleibt dabei in der Rolle des Zuschauers gefangen.
Park Kwang-Sus Hervorhebung der Geschichte Jeon-Tae-ils in decoloriertem Filmmaterial nimmt jeden spekulativen Effekt aus dem Film. Nur einmal in einer wütenden Sequenz, in der sich Jeon Tae- il selbst verbrennt, verwendet Kwang-Su Zeitlupe und montiert diese Bilder mit wütenden Protesten von Studenten und Arbeitern Im Korea der Gegenwart.
Der Intellektuelle Kim Yong-Su und seine Freundin, die Arbeiterin können nicht zusammenkommen. An einem Bahnhof sitzen sie sich auf zwei verschiedenen Bahnsteigen gegenüber. Ein vorbeifahrender Zug durchschneidet ihre Blicke. Sie erwartet ein Kind von ihm; er ist auf der Flucht vor der Polizei.
Mit Bitterkeit erinnert der Film daran, daß die Wirtschaftsmächte Koreas und anderer ostasiatischer Länder vor allem das Resultat brutaler Ausbeutung sind. Die sogenannte „industrielle Revolution“ hat in Asien später begonnen. Nicht zufällig erinnern die Versuche der Arbeiterinnen, eine Gewerkschaft zu gründen, an die ersten Arbeitervereine im feudalen Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts.
Jeon Tae-il wurde zu dreißig Prozent aus Spenden von über 7000 Einzelpersonen finanziert, unter anderem von Politikern, Bergarbeitern und Schulkindern. Was dieser Film für die koreanische Öffentlichkeit bedeutet, ist eine Sache. Wie das Kino Betroffenheit vermitteln kann ohne sein Thema an die Schaulust zu verraten, davon gibt Jeon Tae-il ein beeindruckendes Beispiel.

Rüdiger Tomczak









Ein Gespräch mit Park Kwang-Su

Die Schwarz-Weiß-Sequenzen in Jeon Tae-il scheinen mit einem besonderen Material gemacht zu sein. Es wirkt sehr fragil, wie Filmmaterial im Prozeß der Auflösung.

Jeon Tae-il ist in Korea so berühmt, daß es absolut überflüssig und unmöglich ist, hier fiktive Elemente hinzuzufügen. Jeder in Korea weiß, wer Jeon-Tae-il war. Darum habe ich auch die Sequenzen mit Jeon-Tae-il aus den Sechziger Jahren entfärben lassen. Es gibt einige Szenen, wo Jeon-Tae-il in Farbe zu sehen ist. Im Heizungskeller, wo Kim Yong-Su arbeitet und sich umdreht, sieht er Jeon-Tae-il in Farbe. Dann wird er wenig später wieder in schwarz weiß zu sehen sein. In dieser Sequenz löst sich Kim Yong-Su allmählich in Jeon Tae-il auf. Das Porträt Jeon Tae-ils ist hier durch den Kopf und die Augen Kim Yong-Sus gefiltert. Kim Yong-Su ist ein komplexes Bild der damaligen Intellektuellen, die sich nach jeon Tae-ils Tod für Veränderungen engagiert haben. Die Decolorierung des Filmmaterials ist in Korea leider unmöglich und wurde in Sydney ausgeführt. Für die Fabrikszenen in den Sechziger Jahren habe ich dann aber tatsächlich Schwarz-Weiß-Material benutzt.


Sie haben eigentlich auch schon etwas über die Erzählperspektive gesagt. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es in ihrem vorherigen Film To The Starry Island etwas sehr ähnliches. Hier erinnert sich ja auch jemand, ich glaube an die Familie seines toten Freundes. Ich erinnere mich an Bildkompositionen, wo rechts und links Leute mit dem Rücken zur Kamera in das Bild blicken. Ich muß dabei auch an die Position Kim Yong-Sus denken, die ja sehr ähnlich der eines Zuschauers ist.

Das haben Sie ganz richtig gesehen. In To The Starry Island wie auch in Jeon Tae-il liegt die Geschichte schon sehr weit zurück für die Leute, die heute in Korea leben. Darum muß man da eine Person hinstellen, die uns heute nahesteht. In diesem Fall ist es Kim Yong-Su. Er hat so eine Art Brückenfunktion um die Leute, die vergessen haben, daran zu erinnern. Das ist in To The Starry Island genauso. Es gibt in meinem letzten Film immer wieder die Verbindung zwischen Kim Yong-Su, Jeon Tae-il und seiner Mutter. In den sechziger Jahren war Korea viel konfuzianischer als heute. Der Konfuzianismus gibt Verhaltensregeln zwischen Eltern und Kindern oder oben und unten. Diese hierarchische Gesellschaftsstruktur war in den Sechziger Jahren noch intakter als jetzt. Vor den Eltern sterben ist schon eine Verletzung der Kinderpflicht. Sich aber das Leben nehmen, ist nach diesen Regeln ein Verbrechen den Eltern gegenüber. Bevor sich Jeon Tae-il das Leben nimmt, sieht man ihn in der Nacht aufstehen. Er macht das Licht an und sieht seiner schlafenden Familie, besonders seiner Mutter, zu. Er weiß, daß sein Selbstmord die größtmögliche Untat gegenüber seiner Familie sein wird.

Ich möchte noch einmal auf die Beziehung zwischen Jeon Tae-il und Kim Yong-Su zurückkommen. Der scheint sich in der Geschichte Jeon Tae-ils zu verlieren, der ihm näher zu sein scheint als seine schwangere Freundin, die ja auch Fabrikarbeiterin ist.
Nach der Selbstverbrennung Jeon Tae-ils waren die Intellektuellen sehr geschockt. Sie haben sich dann gefragt, was sie getan haben, während die Arbeiter für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und die Menschenrechte gekämpft haben. Ein Teil der koreanischen Intellektuellen war der Meinung, daß man sich für die Arbeiterbewegung engagieren muß. Man wollte die Arbeiterbewegung in die politische Bewegung integrieren. Jeon Tae-ils Tod war der Anlaß dazu. Ein kleiner Teil der Intellektuellen sind auch in die Fabriken gegangen um Handarbeit zu leisten. Kim Yong-Su konnte natürlich nicht in die Fabrik gehen, da er von der Polizei gesucht wurde und untertauchen mußte. Er konnte sich also nicht öffentlich engagieren. Immerhin hat er ja seine Freundin in der Fabrik kennengelernt und versucht den Arbeitern durch Abendschulkurse zu helfen. Am Ende gibt es eine extreme Situation. Sie ist noch nicht möglich, diese Beziehung zwischen einem Angehörigen der intellektuellen Elite und einer Fabrikarbeiterin. Aber sie trägt sein Kind im Bauch. In diesem Klassenkonflikt gibt es keinen Schimmer von Hoffnung. Das war die Situation der sich engagierenden Intellektuellen. Kim Yong-Su ist hauptsächlich eine beobachtende Figur, der aber zum Beispiel seiner Freundin Anregungen zur gewerkschaftlichen Organisation gibt. Dabei überschreitet er aber die Grenzen, indem er eine Fabrikarbeiterin liebt und ein Buch über den Arbeiter Jeon Tae-il schreibt. Für mich ist er so eine Art idealer Intellektueller, der sowohl denkt als auch handelt.

Um am Schluß noch einmal auf die Erzählperspektive zurückzukommen. Im Grunde genommen nähert sich Kim Yong-Su doch seiner Freundin über den Umweg Jeon Tae-il.

Seine Freundin Shin Jung-Soon befindet sich zwischen Kim Yong-Su dem Intellektuellen und Jeon Tae-il dem Arbeiter. Jeon Tae-il wird einfach nur als Arbeiter, der sich für seine Rechte einsetzt, dargestellt. Die Aspekte zu seiner Person werden ausgelassen und durch die Person Shin Jung weitererzählt. Shin Jung-Soon symbolisiert nicht nur durch das Kind in ihrem Bauch, sondern sie verweist auch auf eine neue Zukunft der Arbeiter.

Interview: Rüdiger Tomczak Herzlicher Dank an die Übersetzerin Hye -Kyung Rhim.

(Erstveröffentlichung shomingeki Nummer 2, Juli 1996, vergriffene Ausgabe)