Sonntag, 4. März 2012

Neak Sre (Das Reisfeld) von Rithy Panh Kambodscha / Schweiz / Frankreich: 1994




Die Mutter, von der man glaubt, dass sie wahnsinnig geworden ist, wird in einem Verschlag wie ein wildes Tier gehalten. Die Ernte muss eingebracht werden und kaum jemand kann sich um die Kranke zu kümmern. Dann zum Schluss lässt die älteste Tochter die Mutter eines Morgens frei. Die rennt über die abgeernteten Reisfelder, vertreibt die Spatzen und läuft schließlich in die Tiefe des Bildes. Und sie läuft unendlich lange, ist mit der Zeit kaum mehr zu erkennen. Sie ist eine Verlorene, zerbrochen an Angst und Trauer.
Am Ende, nach der Abblende, steht auf dem Abspann die Widmung „a ma famille 1975-1979.“


Was man in diesem Film nicht sieht, ist die Vorsicht, mit der die Schritte der Darsteller überwacht wurden, damit diese nicht versehentlich auf eine der Minen treten, mit denen das ganze Land verseucht ist. Man sieht auch kaum etwas von den Massenmorden der roten Khmer an der eigenen Bevölkerung, die mit der Geschichte Kambodschas so eng verbunden sind, wie der amerikanisch-vietnamesische Krieg mit der Geschichte des Nachbarlandes. Später habe ich gelesen, dass der Regisseur Rithy Panh selbst bis zu seinem Exil in Frankreich in einem der berüchtigten Todeslagern gefangen war. Ich erinnere mich an das erschütternde Interview des Regisseurs in der indischen Filmzeitschrift "Cinemaya". Selbst hier, nachdem Rithy Panh bereits zwei Dokumentarfilme über die Lager gemacht hat, erwähnt er das Grauen selten. Für das gibt es keine Bilder und keine Worte.
 Das sind Dinge, die ich später nach dem Sehen des Films erfahren habe. Man kann sie nicht direkt aus dem Film ablesen, allenfalls erahnen mit welcher Energie hier ein Bild Kambodschas entstand, dass wie ein Gegenbild von unserer Vorstellung dieses Landes erscheint .
Dieser Film erzählt von einer Familie von Reisbauern. Für diese Familie geht es vor allem um den Reis, der die Oberfläche eines ganzen Planeten zu bedecken scheint. Zwei Ochsen und die fleißigen Hände der Menschen sind die Garanten für das Überleben. Ein einziger Dorn im Fuß des Vaters, der zu einer Blutvergiftung führt, erscheint als Bedrohung, die eine ganze Familie zugrunde richten kann.

Das ist ein Film, in dem der Krieg kaum erscheint, allenfalls wie das entfernte Echo von Schmerzen, unendlich sublimiert in Gesten und Blicken. Diese feinen Erschütterungen sind so fein, wie die Geste der herabsinkenden Hände des Vaters in Ozus Banshun, eine kleine Bewegung in der die Ahnung von Einsamkeit und Tod zu finden ist.
 Wie in Kurosawas schönstem Fim Dersu Uzala erzählt Neak-Sré von Möglichkeiten einer schönen Koexistenz zwischen Mensch und Natur. Die heraufbeschworenen Landschaften in den Jahreszeiten reiben sich an meinem Bild von diesem Land, so wie die unberührte Taiga in Dersu Uzala auch von den Landschaften erzählt, die bereits zerstört sind. In Neak Sré berühren die Menschen zärtlich die Reispflanzen, waten durch das geflutete Feld, fischen oder spielen, und es bleibt einem das Herz stehen bei dem Gedanken, daß ein unüberlegter Schritt den Tod bedeuten kann. 
Nach dem Tod des Vaters gerät die Mutter in eine schwere seelische Krise und beginnt zu trinken. Der Steinwurf eines Nachbarkinds gegen ihren Kopf ist der grausamste Moment des Films. Das ist genug um von der körperlichen Gewalt zu erzählen, die einen Menschen zerstören kann. Da ist aber auch die Solidarität der Menschen, die der Familie bei der lebensnotwendigen Reisernte helfen. Die älteste Tochter muss sich zum Zeichen der Trauer den Kopf kahl scheren lassen, da die Famile keinen Sohn hat. Sie wird Vater und Mutter gleichzeitig ersetzen.
Am Ende ist die Ernte eingebracht, aber die Mutter ist auch nach einem Krankenhausaufenthalt in der Stadt noch nicht geheilt. Sie ist eine verlorene Seele, wie die alte Frau in Kurosawas Hachigatsu no Rapusodi oder der wahnsinnige Fabrikant in Ikimono no Kiroku in ihrer Angst vor dem atomaren Holocaust. Einmal sagt die Mutter zu ihrer Tochter in einem Moment der Panik, dass sie die Reisfelder nicht sehen könne. Die Sonne ist untergegangen, beruhigt sie die Tochter. Darauf erwidert die Mutter, dass die Sonne die Reisfelder ins Grab gestossen habe .

Das ist kein Film über die Armut, sondern über den Reichtum der Reisfelder, die seit ewigen Zeiten das Leben der Menschen garantieren. Nur zweimal sind Maschinen zu sehen, die auf eine mögliche Datierbarkeit des Films hinweisen: Ein alter Kleinbus und die Gewehre der roten Khmer in einem Alptraum des sterbenden Vaters. Ansonsten sieht man die Reisfelder mehr und mehr wie durch das Bewusstsein der Menschen in dem Film. Das Reisfeld ist, wie die ganze Natur aus der Sicht des Waldläufers in Dersu Uzala, beseelt. Gute und böse Geister begleiten die Menschen in ihren alltäglichen Handlungen. Das Reisfeld, „es muss aufgeweckt werden“, damit es wachsen kann.
Mir geht es in Neak Sré wie bei einem anderen Meisterwerk des Nachbarlandes Vietnam, Thuong Nho Dong Que (Nostalgia For Countryland) von Dang Nhat Minh. Zunächst ist da die vermeintliche Idylle der Reisfelder, dann aber werden die Leiden der Menschen sichtbar und diese Landschaften haben den Nachgeschmack des bereits Verlorenen. Ich schäme mich bei beiden Filmen, dass sich mein Wissen von diesen Ländern auf Krieg, Hunger und Terror beschränkte. Was mir beim Sehen von Rithy Panhs Film unter die Haut geht, ist die tiefe Liebe zu seinem Land und seinen Menschen, die den Schreckensbildern wirklich etwas entgegensetzt.


Rüdiger Tomczak


(Erstveröffentlichung shomingeki Nummer 5, Frühjahr 1998, vergriffene Ausgabe)