Freitag, 30. März 2012

RUAN LING YU (Center Stage) von Stanley Kwan, Honkong/Taiwan: 1991 (Wettbewerb 1992)


 
Der Film lief 1992 im Wettbewerb der Berlinale in seiner Originallänge von ca. 150 Minuten. Später wurde der film wieder gekürzt auf ca 120 Minuten und mehr oder weniger zerstört. Seit 2004 gibt es den Film wieder auf DVd in seiner Originallänge.
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Man sagt sie sei eine chinesische Marlene Dietrich gewesen. Gestorben ist sie vermutlich wie Marilyn Monroe an einer Überdosis Schlaftabletten.  Ruan Ling Yu, ein gefeierter Star des chinesischen Kinos der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Die meisten ihrer Filme sind zerstört oder verschollen.  RUAN LING YU von Stanley Kwan ist eine Künstlerbiographie, die Spielszenen, Originalausschnitte aus den Filmen der Schauspielerin und Selbstreflexionen von Stanley Kwans Filmteam miteinander verknüpft. Ein Film über ein Kapitel Filmgeschichte und gleichzeitig eine Reflexion über das Filmemachen.
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Eine plansequence im Halbdunkel eines Zimmers. Zwei Frauen im Gespräch. Im Hintergrund ein schneeverhangenes Fenster. Ein Bild welches durch seine extrem harten Kontraste die Augen strapaziert, wie ein schlecht belichtetes Foto oder ein nur unzureichend erhaltener Film aus den Anfängen des Kinos. In einer anderen Sequenz wälzt sich Ruan Ling Yu im Schnee vor ihrer Haustür. Man fragt sich oft, was ist nun das gespielte Leben der Schauspielerin und was ist ein Zitat ihres Spiels. Manchmal beantwortet der Film diese Frage mit einem Untertitel. Ein Filmtitel, dessen Negativ und Kopien verschollen oder zerstört sind. Ein andermal folgt dem gespielten Zitat einer Szene, ein   Originalausschnitt aus einem der alten Filme mit der wirklichen Ruan Ling Yu. Diese alten oft zerschundenen Kopien, die auf ergreifende Weise die Vergänglichkeit ihrer Materie dokumentieren, stehen den farbigen, gespielten Zitaten gegenüber, hinterfragen sie. Das Inszenierte wird enttarnt als Inszenierung.
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Manchmal wird der Film durch dokumentarische Einschübe unterbrochen, was ihm eine weitere Ebene gibt. Das Filmteam von RUAN LING YU bei den Dreharbeiten. Sie diskutieren über ihre Arbeit und ihre Recherchen. Interviews mit Zeitzeugen.
Das ist ein Film, der davon handelt, wie Filme in der Vergangenheit gemacht wurden und darüber hinaus kommentiert und beobachtet er ständig sich selbst. Der Kinematograph macht die Apparatur sichtbar, die jemanden zu einer „recherche du temps perdu“ befähigt
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Dies ist ein Film aus den Neunziger Jahren, der Originalausschnitte verwendet wie archäologische Fundstücke. Stanley Kwan gönnt nicht einmal den inszenierten, nachgestellten Szenen die Aura des ewigen, beliebig wiederholbaren, wie sie uns das Fernsehen vorgaukelt.   Dieser Film ist so fotografiert, dass man manchmal nur die Gesichter oder die Körperumrisse wahrnehmen kann. Oft sind große Flächen des Bildes so dunkel wie Schwarzfilm. Ein Film über die Sterblichkeit der Menschen, der Dinge und damit auch des Films.
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Ein Foto von einem Filmteam während der Dreharbeiten an dem  Film DIE DREI MODERNEN FRAUEN. Das Bild friert ein, die Farben verschwinden. Man sieht einige Ausschnitte aus der Originalfassung. Immer wieder diese Filmausschnitte, deren materielle Zerbrechlichkeit sich zu behaupten versucht gegen seine  Neuinszenierung. Die Personen werden ganz zum reproduzierten Abbild und doch glaubt man Facetten von Identitäten zu erkennen, die nicht mehr sind. Die Ausschnitte erinnern mich an die Utopie von einem Riesenteleskop, mit dem man Lichtjahre entfernte Welten sehen kann, die in dem Moment, wo mich seine Lichtstrahlen erreichen, schon lange untergegangen sind.
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Dokument, Fiktion und wieder die Dokumentation. Die Grenzen sind fließend, oft nicht mehr auszumachen. Ruan Ling Yu während der Darstellung einer Sterbeszene. Die muß mehrmals wiederholt werden. Am Ende ist sie dann besonders gut gelungen, der Regisseur ist zufrieden. Die Tränen der Sterbenden sind auf die erwünschte  Subtilität reduziert worden. Nachdem die Kamera ausgeschaltet ist, weint die Schauspielerin weiter, den Gefühlsausbruch mitnehmend von der gespielten Szene in die gelebte- oder umgekehrt? Dann sieht man die gleiche Szene noch einmal in einem Originalausschnitt. Jetzt fragt man sich erst recht, ob diese Tränen gespielt oder gelebt sind. RUAN LING YU vermittelt Erkenntnisse, um sie dann sofort wieder zu hinterfragen. Für einen Moment glaubt man zumindest eine der vielen Facetten der nicht mehr existierenden Identitäten wahrzunehmen. Dann ist da wieder nur der bildgewordene Mythos einer unglücklichen vergessenen Filmdiva das einzige was bleibt. Am Ende ist man wieder da, wo man angefangen hat, beim Filmteam von RUAN LING YU bei der Arbeit. Die Pyramiden sind geöffnet worden, aber ihre Rätsel noch lange nicht gelöst. 
 
Rüdiger Tomczak (bisher unveröffentlichtes Manuskript)