Donnerstag, 29. März 2012

SI SHUI LIU NIAN (Heimkehr) von Yim Ho, Hongkong/China: 1984





Ein Bus fährt durch unwegsame Gebirgsstraßen, vollbesetzt mit Menschen, von denen einige auch Tiere mitnehmen. Die Reise ist beschwerlich, der Busfahrer unfreundlich. Als sie endlich das Ziel erreichen, treibt der Fahrer die Passagiere aus dem Bus. Unter ihnen ist Shan Shan, eine Grafikerin aus Hongkong. Sie kehrt in das Dorf ihrer Kindheit zurück, da ihre Großmutter vor kurzem gestorben ist. Vor Jahren war ihre Familie nach Hongkong ausgewandert. Alles erscheint zunächst fremd. Die geschäftigen Menschen vom Lande, die Geräusche und die dörflichen Landschaften. Shan Shan, zwischen Befremdung und Wiedererkennen, versucht sich zu orientieren. Unter der Oberfläche dieser fremdartigen Welt mag sie verborgen sein, die zeitliche Landschaft ihrer Kindheit.
Auf dem Weg zu ihrem Dorf muß sie mit einer Fähre den Fluß überqueren. Da begegnet sie einem alten Chinesen, der nach langer Emigration in sein Heimatdorf zurückkehrt. Ein Sohn studiert in Kalifornien, eine Tochter lebt verheiratet in Kanada. Jetzt, wo seine Frau gestorben ist, hält ihn nichts mehr in der Fremde. Erschreckt durch einen Sack mit Affenschädeln, erleidet Shan Shan einen Schwächeanfall. Xiao Song, der Mann ihrer Schulfreundin - und vermutlich eine Jugendliebe von ihr - holt sie mit dem Fahrrad ab. Der Mann ist schüchtern. Nach Jahren der Trennung beginnt man wie so oft in solchen Situationen über Erinnerungen zu reden. In diesem Film, in dem es selten Nahaufnahmen gibt, ist der Blick auf die beiden gerichtet, die das tun, was man in derselben Situation vielleicht auch getan hätte. Plötzlich fragt sie nach einem Freund Xiao Songs. Der sei im letzten Jahr gestorben, antwortet er traurig. Nach einem Schnitt erscheinen die beiden plötzlich schrecklich weit entfernt von uns. Da verschwinden sie fast in der Landschaft. Daß man in unserem Alter schon sterben kann, bemerkt Shan Shan verwundert.

Im Haus der verstorbenen Großmutter sieht man auf dem Familienaltar Fotos vom Vater und der Großmutter. Aus dem Off hört man die Stimme Shan Shans, die einen Brief an ihre Schwester vorliest, mit der sie sich wegen Erbangelegenheiten heftig zerstritten hat. Sie trägt schwer an ihrer Lebensgeschichte. Dann ein Bild von einer Vogelscheuche auf dem Feld. Ein einziges Bild, das für einige Sekunden wie die befreiende Kraft einer Erinnerung an etwas Schönes ist.
Shan Shans Freundin Ah Zhen ist Schuldirektorin und ein geachteter Kader der Partei. Sie kehrt nach einer Dienstreise zurück. Xiao Song, der Ehemann, verrichtet die Feld- und Hausarbeit und kümmert sich um die Tochter. Die Freundinnen begrüßen sich. Später sehen sie gemeinsam in den Spiegel, beobachten ängstlich die feinen Spuren des Alterns und behaupten dennoch von der anderen, daß sie sich nicht verändert hat. Gemeinsam übernachten sie im Haus der Großmutter. Sie erzählen sich im Bett von den Erfahrungen der letzten Jahre. Da scheinen sie nicht viel mehr voneinander zu wissen, als wir durch die Dialoge erfahren. Die eine, Ah Zhen, ist verheiratet, erfolgreich, und ihre Familie gilt als Musterbeispiel harmonischen Zusammenlebens. Shan Shan hat mehrere Männer gehabt, ist aber schließlich allein geblieben. Ein kleines Mißverständnis, ein unglücklich ausgesprochener Satz, und die beiden Frauen drehen sich den Rücken zu, bevor sie einschlafen.
Die Kunst des Geschichtenerzählens, besonders im asiatischen Kino, hat oft damit zu tun, daß man vor lauter Andeutungen von kleinen Geschichten niemals von einer einzigen vollkommen eingenommen wird. Es ist oft die Aufmerksamkeit für scheinbar nebensächliche Details, die um ihrer selbst willen da zu sein scheinen. Es gibt keine Hierarchie zwischen dem Nebensächlichen und dem vermeintlich Bedeutsamen: Ein Kind reitet auf einem Schwein. Als das Schwein geschlachtet wird, weint es. Das ist eine kleine Episode, die sich im Gedächtnis verankert wie die Geschichte von Shan Shan und ihren Freunden, die vielleicht erst eingebettet in dieses Universum aus menschlichen Geschichten Leben gewinnt. Der alte Chinese, der aus dem Exil zurückkehrt und dessen Geschichte fast parallel zu der von Shan Shan verläuft, trifft zwei hundertjährige Zwillinge, die nach über achtzig Jahre aus Australien zurückgekehrt sind. Sie betrachten einen alten Baum, der schon alt war, als sie noch Kinder waren. Versammelt mit dem alten Chinesen und Shan Shan vor dem uralten Baum, denke ich an das Bild Die Lebensstufen von Caspar David Friederich. Auch das scheint mir ein Hinweis zu sein, daß in Asien, mehr als in allen anderen Ländern, die Einstellung als Bild auch unabhängig vom ganzen Film ein gewisses Maß an Souveränität genießt.
In einer anderen Szene streitet sich Shan Shan am Telefon mit ihrer jüngeren Schwester. Zornig und verbittert verläßt sie das öffentliche Telefon. Nach diesem heftigen Hinweis auf die Traurigkeit ihrer Lebensumstände, passiert etwas Wunderbares. Man hört eine alte Bäuerin singen:

Der Mond wirft sein helles Licht
auf das Weberschiffchen
auf Zäune und Wände
auf das Bettchen und auf das Moskitonetz.

Obwohl dieser Film vom Altern, von der Vergänglichkeit und auch von der Sehnsucht nach den vergangenen - und verlorenen - Tage der Kindheit erzählt, gibt es oft diese fast utopischen Bilder, die mit der Sensibilität und Unvoreingenommenheit eines Kinderblicks gesehen worden zu sein scheinen.
Im Kino geht es um Bilder von der Welt und von den Menschen. Die Personen machen sich von anderen Bilder, die doch nur einige von vielen möglichen sind. Ah Zhen ist von der vermeintlichen Freiheit Shan Shans angezogen. Diese Freiheit ist aber auch oft nur Einsamkeit. Zweimal habe sie abgetrieben, erzählt sie in einem vertraulichen Gespräch der Freundin. Shan Shan sucht die familiäre Geborgenheit und fühlt sich zu Ah Zhens Familie hingezogen. Hinter der Fassade der „Musterfamilie“ aber zeigen sich Risse. Ah Zhen, die emanzipierte Kaderfrau, hat panische Angst vor dem Altern und ist eifersüchtig. Xiao Song hat einen Koffer voller Erinnerungsstücke, vermutlich auch die an seine nie ausgesprochene Jugendliebe zu Shan Shan.
Einmal sitzen Shan Shan und Xiao Song am Ufer eines Baches und betrachten die Landschaft, die die vergangenen Tage der Kindheit zu reflektieren scheint.
Eine Feldlandschaft, in der man im Hintergrund die Drachenboote sieht, die auf dem Strom fahren. Papierdrachen, die Kinder in den Himmel steigen lassen. Shan Shan und Xiao Song betrachten ihre Umgebung, die ist, was sie ist, und scheinen doch tief versunken in einer anderen Zeit. Das ist ein Film, der von der Vielfalt der Welt erzählt und dabei mit sehr wenig Kunstgriffen auskommt. Die Dinge, die wirklich sind, lassen einen fast träumen.

Mit den Kindern der Dorfschule macht Shan Shan einen Ausflug in eine große Stadt. Hier ist alles sehr teuer und die Gebäude sehen aus wie eine Imitation von Hongkong. Die Menschen vom Lande sind verwirrt, nur Shan Shan fühlt sich fast heimisch. Mit Ah Zhen teilt sie ein Hotelzimmer. Wieder betrachten die Frauen ihre Gesichter im Spiegel und erneut reden sie in einem vertraulichen Gespräch über das Altern der Frauen. Ein kleines Mißverständnis, und Ah Zhen läßt die Freundin allein im großen Zimmer zurück. Das ist das Ergreifende an dem Film. Da sind Bilder, die so schön sind wie Erinnerungen, und doch gibt es manchmal die Momente der Entfremdung. Als trenne die beiden Frauen die bereits vergangene Zeit und die unterschiedlich verlaufenden Lebensgeschichten.
Irgendwann fällt Xiao Songs Koffer von einem Brett unter dem Dach auf den Eßtisch. Darin sind die Stiefel, die Shan Shan ihm geschenkt hatte. Da scheint die Musterehe zu zerbrechen. Er läuft aus dem Haus, laut rufend, daß er sich scheiden lassen will und kehrt schließlich doch zurück.
Shan Shan erinnert sich an ihre Großmutter, wie sie, eine Zigarette rauchend, die Sesammühle dreht.

Am Tage ihres Abschieds fragt Shan Shan einen alten Bauern, ob es richtig gewesen sei, der Großmutter den Tod ihres Sohnes zehn Jahre lang zu verheimlichen. Sie habe sich dabei den Schmerz erspart, im Alter ihren Sohn zu verlieren, beruhigt sie der alte Mann. Seid ihr einsam, fragt Shan Shan die alten Zwillinge. Für uns, antworten sie, ist jeder Tag schön.
Am Grab der Großmutter betet Shan Shan, eine Zigarette rauchend. Dann verabschieden sich die Frauen voneinander. Wir Frauen werden schnell älter, sagt die eine. Dann brauchst du bald nicht mehr eifersüchtig sein, antwortet die andere. Dann legt die Fähre ab. Man verliert die Personen aus den Augen. Da ist der Strom mit seinen Fähren und Booten. Das Stück Welt, dem wir beigewohnt haben, ist wieder ein Staubkorn im Universum. Am Schluß sieht man ein winziges Boot auf dem von Wellen unruhigem Wasser, daß wie ein Stück des Ozeans erscheint. Man hört jemanden singen. Das könnte die Stimme einer Frau sein. Dieses Lied ist laut und schön, so als müsse sie sich anstrengen, in dieser Unendlichkeit gehört zu werden. Dann rollt der Abspann über dieses Bild und am Ende erscheint die Widmung Yim Hos zum Gedenken an seinen Vater. Dessen plötzlicher Tod habe ihn zu dem Film inspiriert.

Fast zufällig kam mir dieser vielleicht schönste Film der Neuen Welle Hongkongs wieder zu Bewußtsein. In diesem Jahr, nach langer Zeit habe ich ihn mehrmals wiedergesehen. Es war die Zeit zwischen der schweren Krankheit und dem Tod meiner Mutter. War es die Widmung von Yim Ho an seinen Vater oder die flüchtige Erinnerung an einzelne Bilder, die mir diesen Film wieder ins Gedächtnis riefen? Was mir damals fremd erschien, ist mir heute vertraut. Erinnerungen an die Kindheit und das Bewußtsein von der Vergänglichkeit - das habe ich so tief empfunden wie sonst nur in einem Film von Ozu oder Hou Hsiao Hsien. Die Landschaft der Kindheit ist keine beliebig wiederauffindbare, konkrete geographische Landschaft. Sie ist verborgen in einer Schicht meiner Lebenszeit. Reisen sind oft sowohl Begegnungen mit dem Fremden, als auch immer Begegnungen mit einem selbst. Si Shui Liu Nian ist wie die Erinnerung an eine Reise, von der ich glaube, daß sie jeder in einem bestimmten Moment seines Lebens gemacht hat oder irgendwann einmal machen wird.

Rüdiger Tomczak
über ein anderes Meisterwerk des Hong Kong-Kinos, ein englischer Text über Banbian Ren von Allen Fong.  
und über A Little Life Opera von Allen Fong in deutsch

zuerst veröffentlicht in shomingeki Nr. 5, Februar 1998. Diese Ausgabe ist nicht mehr verfügbar.