Freitag, 20. Juli 2012

Tokyo Boshoku



Im Herbst 1998 fand im Berliner Kino „Arsenal“ eine fast integrale Retrospektive mit Filmen von Yasujiro Ozu statt. Sein Werk erscheint mir in seiner Gesamtheit ein immer noch nicht geborgener Schatz an Erkenntnissen über die Ästhetik und Geschichte des Kinos überhaupt zu sein. 
Doch dann stehen sie wieder für sich, die einzelnen Filme von Tokyo no Gassho  (Der Chor von Tokio, 1931) bis Hitori Musuko  (Der einzige Sohn, 1936); Bakushu  (Früher Sommer, 1951), den ich am meisten liebe, oder sein letzter Film Samma No Aji  (Ein Herbstnachmittag, 1962). Und dann gibt es Tokyo Boshoku , Ozus letzter schwarzweißer Film, der so ganz anders ist als fast alle seiner Nachkriegsfilme. Wie sonst nur in seinen bitteren Visionen sozialer Wirklichkeit von 1931 bis 1936, kehrt dieser Film ein massives Unbehagen an der Welt nach außen, das unterschwellig in fast allen Filmen Ozus zu spüren ist. Tokyo Boshoku  zeigt die dunkle Seite von Ozus Welt. Da ist wenig von seinem liebevollen Humor zu spüren, wenig von der Schönheit des Gewöhnlichen, der Freude daran, Mensch unter Menschen zu sein. In diesem Film wird viel geschwiegen, ein brütendes Schweigen, an dem die Menschen zugrunde gehen können. Neben Kurosawas Tengoku To Jigoku  (Zwischen Himmel und Hölle, 1963), gehört Tokyo Boshoku  zu den japanischen Filmen, die mich  am meisten erschüttert haben.

Während des Vorspanns hört man eine der leichten Melodien, die man aus den Bars vieler Filme Ozus kennt. Dieses Thema wird man noch oft hören, und nach dem Film wird man es nicht mehr vergessen. Trotz seiner Leichtigkeit, wird es wie die Erinnerung  an einen schweren Traum im Gedächtnis haften bleiben.
Ein Winterabend in Tokio: ein alternder Mann (Chishu Ryu) kehrt in eine kleine Bar ein. Er ist müde. Die Wirtin kennt er sehr gut, und mit einem anderen Gast beginnt er zögerlich ein Gespräch. Die beiden sprechen miteinander, wie zwei einsame Menschen, denen es nicht um das Thema ihrer Unterhaltung geht, sondern darum, daß sie überhaupt stattfindet. Man geht irgendwo hin, wo Menschen sind, um vor allem nicht allein zu sein. Es ist kalt. Es ist Winter in Japan.
.Zuhause angekommen trifft der Mann überrascht seine verheiratete Tochter Takako. Sie hat sich wieder einmal mit ihrem Mann gestritten, der in angetrunkenem Zustand die kleine Tochter geschlagen hat. Die Familie, in die uns Ozu einführt, ist bereits auf dem Höhepunkt einer Krise, ihre Auflösung ist bereits im Gange. Der einzige Sohn ist vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, die Mutter hat die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen. Dann kommt Akiko, die Jüngste dazu. Wie sie die Räume betritt und wie sie sich in ihnen bewegt und niederläßt, läßt keinen Zweifel daran, daß sie in der Hierarchie dieser Familie ganz unten steht. Sie ist es, auf die man die ganze Last der Frustration, der Einsamkeit und der Verbitterung entlädt. Die Familie, das spürt man sofort, ist für Akiko keine Heimat. Der Vater wärmt sich die Füße unter einer Art Decke, in die man, wenn man am Tisch sitzt, mit den Füßen hineinschlüpft. Chishu Ryu ist schweigsam wie in keinem anderen Film von Ozu. Wenn er spricht, wirkt seine Stimme noch um eine Nuance heiserer, als man sie kennt. Das Sprechen in diesem Film erscheint als enorme körperliche Anstrengung.

In einer schäbigen Herberge sucht Akiko ihren Freund. In einem Zimmer sitzen Männer beim Kartenspielen. Sie erkundigt sich nach ihrem Liebhaber. Sie nehmen sie kaum wahr. Später, als sie gegangen ist, beginnt man über sie zu tratschen. Eingehüllt in ihren dicken Wintermantel, irrt Akiko durch das nächtliche Tokio, das fast nur von verlorenen Seelen bewohnt zu sein scheint.
.c.Der Vater besucht den Mann seiner verheirateten Tochter. Der ist Wissenschaftler. Sein Gesicht zeigt die Spuren des Trinkers. Er redet über die verbesserte Qualität des japanischen Whiskys. Im Hintergrund hört man eine sanfte Klaviermusik, die man aus späteren Filmen Ozus kennt. Da beenden die Männer plötzlich ihr Gespräch. Es hat zu schneien begonnen, und sie sehen den fallenden Schneeflocken zu.
Von einer Verwandten erfährt der Vater, daß sich Akiko von ihr Geld geliehen hat, angeblich, um einem Freund zu helfen. Sie erfahren nur über Umwegen voneinander.
.Im Hause Sugiyama spielt die kleine Enkeltochter mit ihrem Spielzeug. Von draußen hört man einen Hund bellen. Später kommt Akiko nach Hause, und der Vater möchte sie wegen des geliehenen Geldes zur Rede stellen. Es kommt kein richtiges Gespräch zustande. Jeder Versuch, miteinander zu reden, endet in Schweigen. Einmal dringt plötzlich und scharf das Pfeifen eines vorbeifahrenden Zuges in die Stille ein.

Immer wieder sieht man schäbige kleine Bars, wo sich Frauen und Männer mit Spielen die Zeit vertreiben. Die Inhaberin einer dieser Orte der Zerstreuung lebt unverheiratet mit einem Mann zusammen. Der heizt ständig den Ofen und nimmt Bestellungen von den Gästen entgegen. Die Frau wird später als die Mutter von Akiko und Takako entdeckt.
Wenn in Tokyo Boshoku  sich Menschen versammeln, dann weniger aus Freude am Beisammensein, sondern um sich vor allem erst einmal aufzuwärmen. Der Drang unter seinesgleichen zu sein, erscheint nur noch als entferntes Echo einer intakten sozialen Geborgenheit, die man in diesem Film vergeblich sucht. Die Kälte der Jahreszeit und die kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografie tragen mit dazu bei, daß man sich in dieser Welt der ewigen Dämmerung nicht heimisch fühlen kann. Das Licht wird oft von der Dunkelheit geschluckt wie das Sprechen von dem entsetzlichen Schweigen.

Begegnungen am Abend in einer Nachtbar. Einsame Menschen sitzen verstreut, starren fast phlegmatisch vor sich hin. Dumpf leiern diverse Barmusiken vor sich hin, die zerstreuen sollen und dabei doch nur die Traurigkeit der Szenerie betonen. Da ist ein Paar, das Streitgespräche führt. Ein alter dicker Mann sitzt vor seiner Tasse Tee. Das war einer der bewegendsten Momente für mich, als ich den Film im Kino gesehen habe: zuerst begannen einige Zuschauer zu lachen. Aber plötzlich brach dieses Gelächter ab, wie nach einer fast kollektiven Erkenntnis. Fast war mir, als ob der komische alte Mann weint. Dann war absolute Stille im Kino, eine Stille, die ich noch nie während einer öffentlichen Filmvorführung erlebt habe. Später sind eine einsame Frau und Akiko zu sehen. Vielleicht haben sie ähnliche Probleme, aber jede bleibt für sich allein. Dicht gedrängt hocken die Menschen zusammen, und haben sich schon weit voneinander entfernt.
Akiko sitzt mit ihrem Freund auf einer Kaimauer am Hafen. Sie sagt ihm, daß sie von ihm ein Kind erwartet. Sie weint. Dann hört man eine durchdringende Schiffssirene. In einer Einstellung hockt sie allein, in sich versunken auf der Mauer. Diese Einstellungen von traurigen Menschen in Filmen von Ozu, bringt man eher mit alten Vätern oder Müttern in Verbindung, deren Leben sich dem Ende nähert.  Solche Einstellungen beenden nicht selten einen Film von Ozu. Die Einstellung von Akiko, etwa in der Mitte des Films, erscheint noch um eine Nuance trister, beinahe hoffnungslos.
Ein Polizeirevier. Takako holt ihre jüngere Schwester eines Nachts ab. Man hat sie festgenommen, da sie sich zu später Stunde allein in einer Bar aufhielt. Ein Mann, der Damenunterwäsche gestohlen hat, wird gerade verhört.
Später, als sie wieder zuhause sind, stellt sie der Vater zur Rede, da er zufällig von Akikos Verhaftung erfahren hat. Du bist nicht meine Tochter, sagt der Vater zu ihr. In einem Film von Ozu ist das ein unerhörter Satz. In einem Film, in dem so viel geschwiegen wird, bleiben solche Sätze nicht ohne Folgen. Einmal sieht man das Gesicht Chishu Ryus, wie er im Bett, eingehüllt in eine warme Decke, eine Zigarette raucht. Das Gesicht ist fast unbeweglich und doch glaube ich die Ahnung eines Zweifels zu spüren; es wäre ihm lieber, diesen Satz nicht ausgesprochen zu haben. In diesen Beziehungen lauern dunkle Erinnerungen, die man besser nicht beim Namen nennt. Ein unüberlegter Satz, so habe ich das Gefühl, könnte die Menschen wie durch einen Blitzschlag zerstören.

Takako sucht die Bar auf, in der die Mutter arbeitet. Sie verbietet ihr, sich der jüngsten Tochter als Mutter zu offenbaren. Da erfährt die Mutter auch zum ersten Mal von dem unglücklichen Tod ihres Sohnes.
Einmal kommt Akiko  nach einem geheimen Besuch bei einer Frauenärztin nach Hause. Sie hat ihr Kind abtreiben lassen. Erschöpft von dem Eingriff bricht sie zusammen. Als sie das Kind ihrer Schwester brabbeln hört, beginnt sie zu weinen. Schließlich erzählt ihr die ältere Schwester doch von der Identität der Mutter. Später wird Akiko die Bar aufsuchen, um der Mutter ihren Haß auszusprechen. Die Mutter, die die Familie verlassen hat, und die Tochter, die nicht weiß, wo sie hingehört, haben viel gemeinsam. Doch sie werden nicht zusammenfinden. Es besteht nicht einmal die Hoffnung auf Verständigung. In einem Film von Ozu kann das nur Unheil bedeuten.
Da gibt es einen kleinen Nudelladen, vermutlich in einer ärmeren Gegend Tokios. Der Wirt hat eine gewisse Zärtlichkeit für Akiko, das „fehlgeleitete Mädchen“. Er erinnert an die freundlichen Kleinbürger, die in Ozus anderen Filmen so viele Bars oder Imbißstuben betreiben. Akiko ist wieder einmal in dem kleinen Imbißladen. Vorher hat man noch die bedrohliche Aufschrift „Gefahr“ an einem nahegelegenen Bahnübergang entziffert. Sie trifft sich hier mit ihrem Freund. Sie streiten sich, sie schlägt ihm ins Gesicht. Blindlings rennt sie plötzlich aus dem Lokal. Man hört einen Zug kommen, dann eine Sirene. „Da ist was passiert“, murmelt der alte Wirt und sieht nach. Nach einem Schnitt findet man sich in einem Krankenhaus wieder, wo der alte Wirt auf den Vater und die Schwester Akikos wartet.
Da knien sie vor Akikos Krankenbett. Sie versuchen, die schwerverletzte junge Frau aufzumuntern. Dann hört man eine Wanduhr entsetzlich laut ticken. Eine Nachtschwester gähnt am Empfangsschalter des Krankenhauses Ein Zug fährt vorbei. Man spürt, daß Akiko inzwischen gestorben ist. Das ist eine Abfolge von Einstellungen, die sich erst im Nachhinein zur Tragödie verdichten. Man wird noch einige Zeit brauchen, um sich ihrer bewußt zu werden. Die Art, wie sie montiert sind, erscheint mir wie eine Serie von kleinen Schockwellen.

Am Tag der Beerdigung kommt die Mutter mit einem Blumenstrauß zu Takako. Sie entschuldigt sich für alles, erzählt der Tochter, daß sie heute Abend Tokio verlassen werde. Takako schweigt. Mehrmals schneidet Ozu die Szene der redenden Mutter auf das der schweigenden Tochter, das fast ausdruckslos erscheint. Gebeugt verläßt die Mutter das Haus. Ihr Abgang ist unendlich traurig. Als Takako allein ist, umarmt sie zärtlich den Blumenstrauß und weint.
Mit ihrem Lebensgefährten sitzt die Mutter im Zug. Sie blickt aus dem Fenster. Junge Leute, vermutlich auf der Reise in den Skiurlaub besteigen in Massen den wartenden Zug. Das Warten auf eine Geste der Versöhnung mit der Tochter ist vergeblich. Ihr Lebensgefährte schließt das Fenster, auf dem sich sofort Eisblumen bilden.
Takako wird zu ihrem Mann zurückkehren. Chishu Ryu betet vor dem Altar seiner verstorbenen Tochter. Die heisere und gebrochene Stimme Ryus geht unter die Haut. Es gibt keine Schuldigen, und doch bleiben die Überlebenden mit Selbstzweifeln zurück. Tokyo Boshoku  zeigt die traurigsten Charaktere, die jemals in einem Film von Ozu zu sehen waren.
Am nächsten Morgen sieht man den Vater wieder zur Arbeit gehen. Am Tag nach der Trauerfeier geht das Leben seinen gewohnten Gang, so scheint es.  Das Versagen dieser Menschen, ihr Schmerz, ihre Konflikte miteinander und ihre Verluste können nicht gelöst werden. Ein banales, fast friedliches Schlußbild,  das diese traurige Person wieder in ihre Anonymität entläßt.

.Das ist, was ich gesehen habe.  Und es gibt etwas, was meiner Empfindung für die bittere Traurigkeit dieses Films nahekommt. Im letzten Jahr habe ich den Roman des Peruaners Vargas Llosa, Der Geschichtenerzähler  gelesen. Da wird ein Lied von den Machiguengas, einem Indianerstamm aus dem peruanischen Regenwald zitiert, das ich einfach nicht vergessen kann.
.„Die Traurigkeit schaut mich an
  die Traurigkeit schaut mich an
 .die Traurigkeit schaut mich genau an
  die Traurigkeit schaut mich genau an
  sehr verstimmt mich die Traurigkeit
  sehr verstimmt mich die Traurigkeit
 sie hat mir Luft und Wind gebracht
  sie hat mir die Luft aufgewirbelt
 sehr verstimmt  mich die Traurigkeit
  sehr verstimmt  mich die Traurigkeit  
.sie hat mir die Luft gebracht, den Wind 
.sehr verstimmt  mich die Traurigkeit
.c.sie hat mir Würmchen, Würmchen gebracht
.c.die Luft, den Wind, die Luft.“

Rüdiger Tomczak

(Erstveröffentlichung, shomingeki Nr. 7, Oktober 1999)