Montag, 17. Dezember 2012

NANGUO ZAIJIAN, NANGUO (Goodbye South, Goodbye) von Hou Hsiao Hsien, Taiwan/Japan: 1996








Den Plot seines letzten Films Nanguo Zaijian, Nanguo auch nur annähernd wiederzugeben, will mir nicht gelingen. Zwei Männer und zwei Frauen versuchen im Taiwan der Gegenwart irgendwie einen Platz zu finden. Sie versuchen es durch manchmal dubiose Geschäfte oder andere Projekte in der Hoffnung auf soziale Sicherheit und in der Illusion, somit auch ihre spirituellen Probleme zu lösen.
Ein Mann sitzt in einem Nahverkehrszug und raucht. Dabei hört man eine monotone Rockmusik. Im Hintergrund sind ein paar andere junge Leute zu sehen. Da nimmt der Mann ein Handy aus der Tasche, um ein Telefongespräch zu führen. Das fällt ihm schwer, denn der Empfang ist schlecht und die Geräusche des Zuges zu laut. Dieser Mann heißt Kao und ist einer der vier Protagonisten, zu denen der Film immer wieder zurückkehrt. In diesem Bild aber ist er vor allem nur einer von mehreren, die in dem Zug fahren. Später sieht man vom Fenster des letzten Waggons aus minutenlang die Landschaften, die der Zug durchquert.
Männer spielen in einem düsteren Lokal Karten. Für einige Momente sieht man den Tisch von einer Aufsicht aus. Da werden Karten und Spielsteine von nervös zuckenden Händen hin und hergeschoben. Die Totale von Männern, die an einem Tisch sitzen: Es ist wieder eines der schlecht beleuchteten Lokale, wo man nicht alles auf Anhieb erkennen kann. Die Einstellung ist lang, und man muß sich Mühe geben, aus den Gesprächen Zusammenhänge erfassen zu können. Wie im gesamten Film kommt man sich vor, als lausche man einem Gespräch, das lange vor unserer Ankunft schon begonnen hat und auch ebenso gut ohne uns stattfinden könnte. Man muß für sich als Betrachter immer wieder neu klären, wie nah oder wie distanziert man dem Geschehen beiwohnen will. Da gibt es einen Streit zwischen einem jungen Mann, der Flathead genannt wird, und einem anderen. Ohne ihre fast teilnahmslos scheinende Distanz aufzugeben, wackelt die Kamera. Die Komposition des Bildes ist für einen Augenblick gestört. Auch Flathead gehört zu den vier Protagonisten. In diesem Bild ist auch er nur einer von mehreren. Jede Geschichte, die man glaubt zu entdecken, ist immer nur eine von vielen möglichen.
Über ihrem Film A Tale Of Love hat die vietnamesische Filmemacherin Trinh T. Minh-ha gesagt, daß sie anstelle von einer, mehrere mögliche Geschichten anbieten wollte. In Nanguo Zaijian, Nanguo gibt es mehrere Möglichkeiten, aus der Aufeinanderfolge von oft sehr langen Sequenzen Geschichten zu kombinieren. Das kann man an dem schönsten Beispiel des Filmes sehen: Nachdem Flathead mit seiner Freundin Praetzel ein wenig geflirtet hat, setzt er sich mit einer Schale Reis auf dem Dach eines Hauses. Da blickt er auf ein Bahngleis und wendet den Kopf in die Richtung, aus der eine Zugsirene zu hören ist. Ein Nahverkehrszug fährt ein. Zwei ältere Frauen besteigen ihn mühsam. Als ich glaubte, einer subjektiven Perspektive zu folgen, sehe ich plötzlich die Landschaften, die der fahrende Zug durchquert. Mehrmals durchfährt er Tunnel in der gebirgigen Landschaft. Totale Finsternis wechselt mit Licht. Aus dem Off hört man jemanden Klavier spielen. Dann sieht man Praetzel in einer Bar auftreten, wo sie das Lied singt, das von der Klaviermusik zuvor eingeleitet wurde: Shanghai at night. You are a city without lights.
Es ist nicht leicht, sich in diesem Film zu orientieren. Zu der Distanz der Kamera kommt die Montage, die nicht einfach zusammenfügt, sondern eher trennt. Die Personen des Films scheinen oft selbst ziellos dahinzutreiben. Sie trinken und lungern in Bars und Restaurants herum. Sie müssen um ihre Orientierung im Leben um einiges härter kämpfen, als wir, die Zuschauer. Eine der Frauen steht sogar am Rande zum Selbstmord. Einen Plan zu verwirklichen, einem Plan zu folgen erscheint für die Protagonisten eine kaum lösbare Angelegenheit.
Alle Filme, die Hou seit 1983 gemacht hat, erinnern mich immer wieder an die Fragwürdigkeit von Begriffen wie experimentell, innovativ, konservativ oder avantegardistisch. Seine Filme passen in keine dieser Definitionen oder gleichzeitig in alle. So gibt es hier einige für Hou ungewöhnlich expressive Momente, wie zum Beispiel Sequenzen mit Rot- und Grünfilter fotografiert, die im Kontrast zu den typischen Landschaftsaufnahmen in natürlichem Licht stehen. Da stehen neben (sehr gewagten) Farbverfremdungen, in seinem Werk bereits fest etablierte Mittel. In Nanguo, Zaijian, Nanguo gibt es, wie in Hous anderen Filmen, viele plansequences, die in sich seine Abgrenzung von der mörderischen Geschwindigkeit einer Clip-Kultur sind. Hier ist er im positiven Sinne konservativ. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen Hous Untersuchung von Geschichte und Gegenwart und seinem Beharren auf fundamentalen Mittel des realistischen Films und dem Experimentieren damit.
Eine minutenlange Motorradfahrt über Landstraßen einer gebirgigen Landschaft: Die Rockmusik Lim Giongs erscheint hier beinahe melodisch. Nach einiger Zeit sieht man ein unbewegliches Landschaftsbild. Ein Innehalten und gleichzeitig ein Verweis auf die Koexistenz der geographischen und menschlich - spirituellen Landschaften. In einer anderen Szene füttert Kao zwei Hunde mit seinen Eßstäbchen. Die Präsenz der Menschen, Tiere und Dinge ist ihrer selbst wegen wichtig.
Am Ende kommt ein Auto von der Straße ab und landet auf einem Feld. Der Morgen dämmert. Da ruft einer den anderen. Eine Wagentür fällt auf. Ist jemand verletzt oder vielleicht sogar getötet worden? So endet der Film, und ich habe mich immer noch für keine der Geschichten, die er erzählen könnte, entschieden. Ich stelle mir die Frage, ob Nanguo Zaijian, Nanguo, wirklich um so vieles distanzierter als Hous vorhergehenden Filme ist. Wo mich die anderen Filme sehr tief bewegt haben, sind meine Gedanken zu diesem Film eher abstrakt, theoretisch. In seinem vorherigen Film Haonan, Haonu habe ich hart dafür bezahlt, daß ich, der Zuschauer, das Tagebuch der Protagonistin gestohlen habe und mich von dem Apparat habe verführen lassen in Privatsphäre der Protagonistin einzudringen. Dafür mußte ich ihr wie durch einen Sog durch verstörende Raum, und Zeitsprünge folgen, habe mit ihr getrunken, mich mit ihr nach den Exzessen übergeben. Ich war ihr nahe, vielleicht zu nahe, wenn sie im Gefängnis gesessen, sich mit ihrer Schwester geprügelt oder wenn sie am Ende um ihren ermordeten Geliebten getrauert hat. Da erlaubten es die Apparate nicht mehr, Voyeur in einem sicheren Versteck zu sein. Die Befriedigung meiner Neugier habe ich mit dem Verlust einer notwendigen Distanz erkauft. Darum werden mich die Bilder dieses ergreifenden Filmes noch lange verfolgen. Die Protagonisten in Hous letztem Film sind alle nicht weniger fragil als Annie Shizuko-Inoh inHaonan, Haonu. Sie sind am Rande des Scheiterns und werden andere mit sich ziehen. Viellicht bin ich bei Nanguo, Zaijian, Nanguo einfach nur etwas vorsichtiger geworden.


Rüdiger Tomczak

(Erstveröffentlichung in shomingeki Nummer 4, Juni 1997)