Dienstag, 25. Juni 2013

Unsortierte Notizen zu TO THE WONDER von Terrence Malick, USA: 2012



Ich erinnere mich an den Spätsommer 2011. Die oft hitzige leidenschaftliche und manchmal auch erbitterte Diskussion um das umstrittene Meisterwerk The Tree of Life war gerade etwas abgeklungen, da gab die Fipresci den Gewinner ihrer Mitgliederumfrage zum Film des Jahres bekannt: The Tree of Life (meine Stimme natürlich inbegriffen). Die Laudatio schrieb der Australier Adrian Marin, Great Events and Ordinary People, ein wunderbarer Text der bescheiden und doch präzise ein wenig Ordnung und Abkühlung in die aufgeheizte Diskussion um Malicks Film bringt – und nicht zuletzt den Film mit einigen sehr klug ausgesuchten Beispielen aus der Geschichte des Kinos vergleicht.
Der Text ist nicht nur eine angemessene Würdigung dieses Films, er bietet auch mit einfachen und doch wirkungsvollen Mitteln den Film von den weniger ausgetretenen Pfaden zu begehen. Damals war der Text nicht nur Balsam für meine Seele, im Laufe der Zeit habe ich ihn auch schätzen gelernt als eine sehr klare Annäherung an die Filme von Terrence Malick.

Es mag ein wenig hypothetisch klingen To The Wonder gleich in einem Atemzug mit The Tree of life zu den autobiographischen Filmen Malicks zu zählen, wie das einige Kritiker getan haben. Aber in der Art wie Malick die Freuden und Leiden der Liebenden mit der seit seiner Zusammenarbeit mit Emmanuel Lubezki und seiner permanent bewegten Kamera in Gesten und Gesichtsausdrücken einfängt – da kann man sich nicht vorstellen, dass Malick irgendeine Emotion hervorruft, die er selbst nicht empfunden hat. Durch die Filter der gewaltigen technischen Apparate hindurch ist auch dieser Film von einer oft herzzerreißenden Intensität, die mich immer wieder an Ritwik Ghatak erinnert.

So wie sich das Coming of Age-Element in The Tree of Life dem Texas der 50er Jahre öffnet und schließlich der Geschichte des Universums, so verhält sich auch die intime Liebesgeschichte von Neil und Marina zu dem Leben einer amerikanischen Kleinstadt. Lässt die Entrücktheit der Liebe ein wenig nach, öffnet sich der Film zur Architektur einer Kleinstadt und den Menschen, die sie bewohnen. Ein spanische Priester in einer Glaubenskrise und jede Menge unglücklicher Menschen: ein Mädchen, dass sehr früh zur Mutter geworden ist, Junkies, Behinderte, Einsame, Sterbende. Völlig isoliert von der Gesellschaft sind die Insassen eines Zuchthauses, die nur hin und wieder von diesem spanischen Priester besucht werden. Den hinreissenden Landschaften stellt Malick zerstörte und verseuchte Landstriche entgegen, die von Schwermetallen belastet sind und die Gesundheit der Anwohner gefährden. Einige dieser Landschaften, die von Menschen geschändet und zerstört sind, brennen sich im Gedächtnis fest.

Der Blick auf die Welt in Malick´s späten Filmen ist gleichzeitig nach innen und nach aussen gerichtet. Wenn es eine Religiosität in den Filmen Malicks gibt, dann ganz sicher einer der Körper. Und das reicht von zärtlichen Liebesspielen, Berührungen bis hin zu Verletzungen. Und diese Liebe für die sinnlich erfahrbare Materie der Welt, die gibt es sonst wohl nur in den Filmen von Jean Renoir.
Die Ideen, die man in den Film hineininterpretieren kann (oder auch nicht) werden allenfalls hervorgerufen. Malick lässt einem die Freiheit die Dinge, die er zeigt als das zu sehen, was sie sind oder eben abhängig den unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Prägungen des Betrachters aufzuladen. Die Dinge an und für sich und diese menschengemachte Aspekt, den man Bedeutung nennt stehen immer in einem dynamischen Verhältnis zueinander.

Man kann die späten Filme Malicks – und vor allem The Tree of Life ind , als universelle Kinowahrheiten sehen, aber auch als einige der persönlichsten Filme, die im gegenwärtigen Kino zu sehen sind, wie das unter anderem Niles Schwartz in seinem hinreiissenden Essay Malick´s Song about Himself V. - The Tree of Life , vorschlägt.

Malicks Kino kennt keine Ironie und schon gar keine Distanz. Er filmt nicht einfach etwas, dass er dann zeigt. Er berührt einen und das im wörtlichen Sinn. Es sind eben diese Berührungen von Menschen und Dingen, die etwas ganz Wesentliches ausmachen in diesen Filmen. Geht Malick mit seiner Handhabung der Apparate und auch mit einer gewissen Künstlichkeit einen anderen Weg als die, die man gemeinhin Minimalisten nennt, kommt er doch zum selben Ergebnis, einer Authentizität, die man spürt. Ob der spanische Priester seine und die Seelen seiner Gläubigen erlösen kann, davon erzählt der Film nicht mehr. Aber am Ende sehen wir den Priester wie er eine alte Frau beim Gehen hilft, einem Sterbenden die Hand hält. Aus dem Off hört man den Priester Jesus anrufen und das klingt eher nach einem Kind, dass sich einen Christus aus Fleisch und Blut vorstellt, ein Wesen mit den Sinnen des Körpers erfassbar, das mit dem schwer fassbaren „heiligen Geist“ wenig zu tun hat.

Wenn die Liebe zwischen Marina und Neil sich auflöst in Entfremdung und Bitterkeit, Gewalt und Distanz bleibt noch die Sehnsucht und die Erinnerung an eng umschlungene Körper.
Was vor allem in der Erinnerung bleibt ist das Licht in diesem Film, vielleicht das schönste, das ich jemals in einem Film gesehen habe. Seit The Tree of Life wissen wir, dass Malick gleichermassen an dem rein physikalischen Phänomen Licht interessiert ist wie an der spirituellen Bedeutung die dem Licht von der Vielfalt der Kulturen und Religionen beigemessen wird. Las Licht, das der Priester mit der Hand an einem Kirchenfenster spürt ist fühlbar, sichtbar und gleichzeitig entrückt. Eine Gegenlicht Aufnahme von Olga Kurylenko, die ihr Gesicht fast wie in einer Röntgenaufnahme erscheinen lässt.

Wie kann man über Filme sprechen, diese nicht verbalen Eindrücke in Worte fassen. Das noch nicht gedachte, sondern das versuchte sprachliche Formulieren von Gefühlen und Fragen seiner Protagonisten ist sicher ein guter Hinweis dafür. Die Fragen die Malicks Filme stellen sind sicher die aufregendsten Fragen, die das gegenwärtige Kino zu bieten hat.

Einem Gerücht zufolge, hat Malick den Film ohne ein ordentliches Drehbuch gedreht. Ob dem so ist, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Vorstellen kann ich es mir schon. Denn an Inspiriertheit, Verspieltheit um nicht zu sagen Tollkühnheit hat Terrence Malick im gegenwärtigen Film nicht sehr viel Konkurrenz. Ich habe natürlich kein Verständnis, wie man einen Film wie To the Wonder ausbuhen oder belächeln kann. Nun ja, wenn man Olga Kurylenkos hinreissenden Tanz im Supermarkt nicht verstanden hat, wird einem Terrence Malick wohl verschlossen bleiben.
To The Wonder ist ein weiteres Füllhorn in dem unendlich dichten Werk von Terrence Malick.


Rüdiger Tomczak