Sonntag, 22. März 2015

Shilpo Shahor Shapnalok (Die glücklichsten Menschen der Welt) von Shaheen Dill-Riaz, Bangladesh / Deutschland: 2004





Dhaka ist die Hauptstadt von Bangladesh, dem ärmsten Land der Welt, wo angeblich, einer Umfrage zufolge, die glücklichsten Menschen der Welt leben sollen. Und das erste, was man sieht, ist ein von Verkehrschaos und Abgasen heimgesuchter Moloch. Shaheen Dill-Riaz konzentriert sich vor allem auf vier Personen, drei davon sind ihm sehr vertraut. Da ist seine nur um wenige Jahre ältere Tante Milli, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Hassan, ein erfolgloser linker Bohemien, der versucht in der heimischen Filmindustrie Fuss zu fassen, Kutti, eine junge Fabrikarbeiterin, die jahrelang als Hausdienerin gearbeitet hat und Russel, ein heranwachsender Schüler, der halbtags Rikscha fährt und von einer Karriere als Filmschauspieler träumt. Das sind Dhaka-Geschichten wo einmal nicht die jährlichen Flutkatastrophen oder die Armut dieses Landes im Mittelpunkt stehen. Ob glücklich oder unglücklich, die Wahrheit liegt oft zwischen  den Extremen.Es geht vor allem um Menschen, die versuchen ihren Platz in der Welt zu finden. 

So wie im Verlauf des Films Orte immer vertrauter werden, so näher kommt man auch den Menschen. Es geht um geographische wie auch um menschliche Landschaften. Dill-Riaz springt zwischen den vier Portraits und je öfter er wieder zu den einzelnen Person zurückkehrt, umso tiefer wird der Einblick in diese Menschenleben. 

Ich muss bei diesen Porträts an einen Satz aus Terence Malicks Meisterwerk The Thin Red Line denken, wo eine Person sich fragt, ob alle menschlichen Seelen nicht Teil einer einzigen umfassenden Seele sind. Hassan, der erfolglose Künstler ist dem jungen Rikschafahrer ähnlicher als den beiden Frauen. Er ist ein Träumer, der es „zu nichts bringt“, was seine Familie ihm auch zu verstehen gibt. Aber immerhin sind es diese Träume, die ihm hinweghelfen über den Zerfall seiner linken Hoffnungen durch die Auflösung der Sowjetunion. Mit dem Bild von Che Guevara auf seinem T-Shirt scheint er den Sogenannten neuen Realitäten trotzen zu wollen. 
Kutti ist 20 Jahre alt. Ihr Vater, der seine Frau betrog, Geld verspielte und trank, trieb ihre Mutter in den Selbstmord. Auf sich allein gestellt, hatte sie in diversen Familien als Hausdienerin gearbeitet, wo sie wie eine Sklavin behandelt wurde. Später entschloss sie sich, eine Stelle in einer Textilfabrik anzunehmen. Jetzt hofft sie genug Geld zu sparen, um einen kleinen Laden aufzumachen. Sie macht einen verbitterten Eindruck und ihr Traum von Glück und Liebe ist kaum auszumachen. Das einzige, was sie sich gönnt, ist manchmal eine Bootsfahrt, wo sie der Enge und dem Lärm der Stadt entflieht. 
Milli, die Geschäftsfrau, und die wohlhabendste der vier Personen, lebt in einer sehr edel eingerichteten Wohnung. Ausgerechnet diese Kleinbürgerin hat neben Kutti den ergreifendsten Moment des Films. In einem langen Interview erzählt sie ihrem Neffen Dill-Riaz die Geschichte ihrer unglücklichen Jugendliebe, die von ihrer Familie verhindert wurde. Stattdessen hat man sie mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet, der ähnlich wie Kuttis Vater trank, spielte und sogar handgreiflich wurde. Milli hat sich gewehrt und schließlich ihren Mann verlassen - allerdings um den Preis, dass sie ihre Kinder nicht wiedersehen kann.  Diese Szene ist besonders lang. Es ist fast nur Millis Gesicht zu sehen und ihre Erzählung erscheint so intensiv wie ein langes trauriges Lied. 

Je intensiver der Blick auf diese vier Personen wird, je mehr bekommt der Film etwas traumwandlerisches. Milli, Kutti, Hassan und Russel sind authentische Personen. Durch den Rhytmus des Films, der wie in einer Kreisbewegung immer wieder zu den einzelnen Menschen zurückkehrt, scheinen ihre Seelen sich zu verschmelzen mit der des Filmenden. Durch diese Intensität des Blicks scheinen sie auch zu Spiegelungen oder zu möglichen Variationen seines eigenen Schicksals zu werden. Da meine ich eine ganz besondere Vorstellungskraft im Kino, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen, die immer androgyn ist. So ist Milli nicht nur eine nahe Verwandte des Filmemachers, sondern anhand von ihrem Porträt wird auch der Unterschied des einen Chromosomens deutlich, der es Shaheen Dill Riaz ermöglicht hat, in Deutschland Film zu studieren. Milli hätte man das niemals erlaubt. Kutti, die ebenfalls aus einer eher wohlhabenden Familie stammt, repräsentiert hier den schlimmsten Fall, den Absturz in die Armut durch das Versagen der Familie. Hassan, der Träumer, ist wie Dill-Riaz ein Künstler, allerdings mit deutlich weniger Glück als der Filmemacher. Auf seltsame Weise bekommt dieser Film einen autobiographischen Akzent. 

Shilpo Shahor Shapnalok ist ein Dokumentarfilm, aus dessen vorgegebenen Wirklichkeiten aber schon Elemente der Fiktion entstehen. In dem, was man wahrnimmt, ist auch immer der Versuch „seinen Platz im Universum“ zu definieren. Da ist der Film von Shaheen Dill-Riaz in seinem filmischen Blick sehr nah an der Situation des Betrachters im Kino, über dessen Beziehungen zu den gezeigten Personen sich eine zur Welt definiert. 

Rüdiger Tomczak 


(Erstveröffentlichung, shomingeki Nr. 16, Sommer 2005)
Vor kurzem habe ich den Film nach sehr langer Zeit wiedergesehen und was mir besonders auffiel, waren die Lieder von Suman Kabir, ein Bengalischer Liedermacher der so etwas wie eine lebende Legende ist. Den Untertiteln zufolge handelt es sich hier um autobiografische Lieder.